Samstag, 19. Januar 2013

TARGET2-Ungleichgewichte: Eine buchhalterische Erklärung


Seit die Gründerväter der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im März 1957 die Römischen Verträge unterschrieben, ist die Schaffung einer einheitlichen europäischen Währung ein explizites Ziel. 1962 forderte eine Kommission der EWG dazu auf, Wege zu erkunden, auf denen die monetäre Integration der ersten Mitgliedstaaten möglich wäre. Nach langer Debatte des wirtschaftlichen Fachpublikums gelangte man zu einer Art Konsens: Monetäre Integration kann geschehen, nachdem sich nominelle Grössen wie Zinsen, Inflation, Wechselkurse und Staatshaushalt zwischen den Mitgliedsländer ausgeglichen haben. Dieser Ansicht der graduellen Anpassung zwischen Volkswirtschaften lag die Vorstellung zugrunde, dass es keinen essentiellen Unterschied gebe zwischen einem fixen Wechselkurs-Regime und einem einheitlichen Währungsraum. Diese Ansicht wurde im Werner Report von 1970 explizit zum Ausdruck gebracht.
Seither hat sich, basierend auf den theoretischen Überlegungen monetärer Ökonomen, die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) herausgebildet. Der Euro hat nationale Währungen innerhalb der EWWU abgelöst. TARGET, respektive die neue Version TARGET2, ist die Bezeichnung der Zahlungssysteminfrastruktur zwischen den teilnehmenden Staaten, welche allesamt Echtzeit-Zahlungssysteme benützen (RTGS). Täglich werden über TARGET2 Zahlungen im Umfang von ca. EUR 2.5 Billionen abgewickelt (Januar 2013).
Während zu Beginn der Währungsunion das Zahlungssystem TARGET noch dezentral betrieben wurde, werden Zahlungen zwischen Banken seit November 2007 mit TARGET2 zentral innerhalb der Single Shared Platform (SSP) ausgeführt. Die Zentralbanken in Italien, Deutschland und Frankreich betreiben gemeinsam diese zentral geführte Zahlungsplattform. Das bedeutet, dass jede zwischenstaatliche Zahlung, welche an TARGET2 geschickt wird, durch die SSP abgewickelt wird. Wie die Europäische Zentralbank in ihren Dokumenten offenlegt, ist TARGET2 jedoch kein multilaterales Zahlungssystem. Statt dessen agiert jede einzelne nationale Zentralbank des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESCB) als eigenständige Settlement-Partei und wickelt Zahlungen bilateral mit anderen Zentralbanken ab. Zitieren wir von der Website der Deutschen Bundesbank:
„Fließen beispielsweise einer über die Bundesbank an TARGET2 teilnehmenden Bank Gelder aus dem Ausland zu, führt dies bei der Bundesbank zu Verbindlichkeiten gegenüber dieser Bank (etwa durch Gutschrift des Betrages auf deren Girokonto). Im Gegenzug entsteht eine Forderung der Bundesbank in gleicher Höhe gegenüber der sendenden nationalen Zentralbank. Diese wiederum belastet das Konto der sendenden Geschäftsbank.“
Zwischenstaatliche Zahlungen innerhalb der EWWU werden also nicht, wie man das in einem homogenen Währungsraum vermuten würde, über zentral verwaltete Girokonten bei der EZB abgewickelt. Statt dessen unterhält jede Zentralbank bilaterale Beziehungen mit jeder einzelnen anderen nationalen Zentralbank und wickelt Zahlungen mit dieser ab. Wir können das Europäische System der Zentralbanken (ESZB), welches auf bilateralen Settlement-Beziehungen zwischen Nationalen Zentralbanken (NZB) beruht, wie folgt schematisch darstellen.
Das heutige, bilaterale Europäische System der Zentralbanken (ESZB), welches zu TARGET2-Ungleichgewichten führt.

In dieser Darstellung wird ersichtlich, dass Zahlungen von Nicht-Banken innerhalb der Mitgliedsländer über die nationalen Geschäftsbanken (schwarz) und Zentralbanken (orange) abgewickelt werden. Zahlungen zwischen den Mitgliedsländern werden nicht über die EZB, sondern bilateral zwischen den nationalen Zentralbanken abgewickelt.

Vergleichen wir dieses Vorgehen kurz mit der Abwicklung einer Zahlung innerhalb eines homogenen Währungsraums, z.B. der Schweiz. Jede Schweizer Geschäftsbank muss ein Girokonto bei der SNB besitzen, welches ein Guthaben der Geschäftsbank gegenüber der Zentralbank darstellt. Bezahlt ein Kunde einer Bank einem Kunden einer anderen Bank einen beliebigen Geldbetrag, so wird das Bankdepot des Käufers von seiner Bank belastet, und dieselbe Bank schickt die Zahlungsinformation an die Bank des Verkäufers. Letztere Bank schreibt ihrem Kunden einen Geldbetrag gut und notiert sich dafür eine Forderung gegenüber der ersten Bank auf der Aktivseite. Als Folge der Zahlung zwischen den Kunden ist eine Bank bei der  anderen verschuldet. Die endgültige Abwicklung dieser Zahlung kann erst erfolgen, wenn die zwei Banken ihr Schuldverhältnis ausgleichen durch eine entsprechende Gut-, respektive Lastschrift durch die Zentralbank auf ihrem Girokonto. Da alle Banken der Schweiz an dieses multilaterale System von Girokonten angeschlossen sind und jeder Ausgleich von Schuldverhältnissen zwischen zwei Geschäftsbanken in Form von Gut- und Lastschriften der Zentralbank geschieht, handelt es sich bei der Schweiz um einen homogenen Währungsraum. Das bedeutet, dass ein Guthaben eines Bankkunden gegenüber der Raiffeisen Bank nicht unterscheidbar ist von einem Guthaben gegenüber der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Sie sind perfekt austauschbar.
Das Zahlungssystem des Euroraums funktioniert nicht so. So heisst es in den Unterlagen der EZB (eigene Übersetzung):
„Sobald die sendende nationale Zentralbank die Gültigkeit einer Zahlungsinformation und die Verfügbarkeit von genügend Guthaben oder einer ausreichenden Kreditlimite geprüft hat, wird die Zahlungssumme endgültig und sofort vom RTGS-Konto der auftraggebenden Kreditinstitution abgezogen und dem Interlinking-Konto der bezahlten Bank gutgeschrieben.“
Das sogenannte „Interlinking-Konto“ ist ein Konto, welches jede nationale Zentralbank besitzt und nationale RTGS-Zahlungssysteme zusammenschliesst, damit Zahlungen zwischen Mitgliedsstaaten ausgeführt werden können. Nachdem alle Kontrollen ausgeführt worden sind, belastet die empfangende Nationalbank das Interlinking-Konto der sendenden Zentralbank und versendet eine Bestätigung an die sendende Zentralbank oder der EZB. Die EZB selbst ist ebenfalls an dieses System angeschlossen und kann dadurch andere Zentralbanken bezahlen oder durch sie bezahlt werden. Die EZB agiert jedoch nicht als zentrale Settlement-Institution zwischen nationalen Zentralbanken.
Gehen wir von einem konkreten Fall aus, damit diese abstrakten Ausführungen in einen realistischen Kontext gestellt werden. Nehmen wir an, die griechische Regierung kauft Maschinen von einer privaten Unternehmung aus Deutschland für EUR 1 Million. Diese Zahlung führt zu einer Belastung des Griechischen Schatzamtes durch die griechische Zentralbank. Ihr Gegenpart, sprich die Deutsche Bundesbank, erhält dafür via TARGET2 eine Gutschrift. Zeigen wir das Resultat der Transaktion mittels Bilanzen der griechischen und Deutschen Zentralbanken. Wir halten dabei die Tabula Rasa Bedingung ein, um logische Scheinbeweise zu umgehen: Vor der Transaktion waren die Bankbilanzen also leer.
Griechischen Nationalbank
Aktiven
Passiven
(1) Kredit an griechisches Schatzamt
EUR 1 Mio.
(2) Schuld ggü. Bundesbank
EUR 1 Mio.



Deutsche Bundesbank
Aktiven
Passiven
(3) Guthaben ggü. griechischer Zentralbank
EUR 1 Mio.
(4) Schuld gegenüber der Bank des Exporteurs
EUR 1 Mio.



Die griechische Nationalbank gewährt der griechischen Regierung einen Kredit, welchen sie als Guthaben gegenüber derselben Regierung festhält (1). Dafür verschuldet sich dieselbe Nationalbank gegenüber der Deutschen Bundesbank (2). Die Deutsche Bundesbank notiert dieses Guthaben auf ihrer Aktivseite (3) und vermerkt dafür eine Schuld gegenüber der Bank des Exporteurs (4).
Halten wir nun drei Dinge fest.
1.     Sowohl Importeur wie auch Exporteur haben keine Forderungen oder Verbindlichkeiten mehr untereinander. Das heisst...
a.    der Exporteur aus Deutschland hat eine Gutschrift im Umfang von EUR 1 Mio. erhalten,
b.    der Importeur aus Griechenland (also die Regierung) ist für EUR 1 Mio. belastet worden.
2.     Zwischen den Währungsräumen Deutschland und Griechenland besteht weiterhin eine ungetilgte Schuld im Umfang von EUR 1 Mio.
3.     Griechenland als Währungsraum hat für die Maschine noch nicht bezahlt.
Aussage drei mag auf den ersten Blick erstaunen, kann jedoch nicht ernsthaft bezweifelt werden, wenn wir uns die Zahlungsmittelfunktion von Geld vergegenwärtigen. Geld ist ein Zahlungsmittel. Eine Bezahlung führt definitionsgemäss zur Tilgung einer Schuld. In unserem Beispiel wird die Schuld zwischen Deutschland und Griechenland jedoch nicht getilgt, sondern lediglich bestätigt. Aus mikroökonomischer Sicht, sprich aus der Sicht des Exporteurs und des Importeurs, ist die Bezahlung zwar tatsächlich endgültig, es existiert keine weitere Forderung (resp. Schuld) zwischen den Parteien. Aus makroökonomischer Sicht wurde die Schuld jedoch noch nicht getilgt, sondern lediglich in Form eines Bucheintrags bestätigt. Das Guthaben der Deutschen Bundesbank erscheint nun als TARGET2-Guthaben auf der Aktivseite der Deutschen Bundesbank und stellt ein erhebliches Risiko im Fall eines Staatsbankrotts dar.
Nun kann zu Recht eingewendet werden, dass die Verbindlichkeiten und Forderungen am Ende jedes Geschäftstages gemäss einem Abkommen der Teilnehmerstaaten an die EZB geschickt werden müssen, wo sie untereinander ausgeglichen werden. Das ist korrekt, jedoch resultieren aus den Netto-Importen und Netto-Exporten zwischen Währungsräumen TARGET2-Salden, welche nicht ausgeglichen werden. Bestätigen wir das mit einem erneuten Zitat der Deutschen Bundesbank:
„Die bei den nationalen Zentralbanken entstehenden Forderungen und Verbindlichkeiten aus einer über den Tag anfallenden Vielzahl solcher Transaktionen gleichen sich normalerweise nicht vollständig aus. Am Ende des Geschäftstages verbleibende Forderungen und Verbindlichkeiten aller an TARGET2 teilnehmenden nationalen Zentralbanken werden gemäß einem Abkommen im Eurosystem an die EZB übertragen und dort saldiert. Die so entstehenden TARGET2-(Netto)-Salden sind demnach das Ergebnis der grenzüberschreitenden Verteilung von Zentralbankgeld innerhalb der dezentralen Struktur des Eurosystems. Der TARGET2-Saldo in der Bundesbankbilanz geht also im Wesentlichen auf grenzüberschreitende Transaktionen zurück, die Banken betreffen, welche über die Bundesbank an TARGET2 teilnehmen (...).“
Während also Importe endgültig bezahlt werden können, wenn dafür entsprechende Exporte getätigt werden, führen Netto-Exporte, resp. –Importe (vor allem von Produkten und Wertpapieren) zu TARGET2-Salden zwischen Währungsräumen. Die Deutsche Bundesbank besass z.B. am 31.12.2012 Forderungen im Umfang von über EUR 655 Mrd.. Das entspricht ca. einem Viertel des Bruttoinlandprodukts Deutschlands.
Wieso ist dieser Mangel in der europäischen Zahlungssystemarchitektur vor 2009 niemandem aufgefallen? Das hat erstens damit zu tun, dass sich Ökonomen bis heute nicht für Zahlungssysteme interessieren. Ökonomen gehen bis heute axiomatisch davon aus, dass Geld eine Art physische Ware ist, welche von der Zentralbank „aus dem Nichts“ geschaffen werden kann und dann „in der Wirtschaft zirkuliert“. Banken kommen in ihren Modellen selten vor. Die buchhalterische Natur von Geld wird in ökonomischen Modellen bis heute nicht respektiert. Ökonomen arbeiten heute ausserdem praktisch ausschliesslich mit infinitesimalen Modellen. Zahlungen können jedoch nicht mit Formeln, sondern müssen mit buchhalterischer Logik analysiert werden. Zweitens hat es damit zu tun, dass vor 2009 TARGET2-Ungleichgewichte aufgrund von Netto-Importen von Ländern wie Griechenland neutralisiert wurden durch deren äquivalente Netto-Exporte von Wertschriften. Somit wurden die Güter und Dienstleistungen aus Deutschland „bezahlt“ mit Wertschriften (v. a. Staatsanleihen) aus Griechenland. Im Zuge der Euro-Krise nahm die Nachfrage nach solchen Wertschriften ab, wodurch die TARGET2-Ungleichgewichte entstanden.
Zur Lösung des Problems
Nun, da wir das Problem umrissen haben, erscheint die Lösung nicht mehr ausser Reichweite. Der Euroraum hat zwei Möglichkeiten, wie er sein Zahlungssystem TARGET2 drastisch verbessern kann. Beide Lösungen würden dazu führen, dass internationale Zahlungen endgültig werden, was nichts anderes bedeutet, als dass Geld seine eigentliche Zahlungsmittelfunktion auch für Zahlungen zwischen Währungsräumen erlangt. Heute führen „Zahlungen“ von Netto-Importen zwischen Währungsräumen des Euroraums, - wiederholen wir das noch einmal - nicht dazu, dass die Obligation getilgt wird. Statt dessen werden die Verbindlichkeiten und Forderungen zwischen Währungsräumen bestätigt, weshalb es sich bei Transaktionen zwischen Mitgliedern des Euroraums heute um Nicht-Zahlungen handelt. Wäre der Euro die gemeinsame, homogene Währung der Eurozone, würde jede Bezahlung mit Euros zur Tilgung der zugrunde liegenden Schuld führen. Dies ist jedoch heute bei Netto-Exporten nicht der Fall. Man kann deshalb tatsächlich nicht von „einem“ Euro sprechen, sondern müsste von 17 unterschiedlichen Euros sprechen, welche allesamt gleich heissen und einen festen Wechselkurs 1:1 vorweisen. Da jedoch Griechenland „als Ganzes“ nicht mit Schuldverschreibungen griechischer Banken (= griechische Euros) Schulden gegenüber Deutschland endgültig tilgen kann – sondern dafür zuerst Deutsche Euros auftreiben muss – sind die zwei Währungen heterogen. Beide Lösungen verlangen nach einer EZB, welche als supranationale Settlement-Institution agiert. Das bedeutet, dass Zahlungen zwischen Mitgliedstaaten über die EZB als zentrale Settlement-Institution abgewickelt werden müssen. Schematisch würde das Europäische System der Zentralbanken sodann wie folgt aussehen.
Das zukünftige Europäische System der Zentralbanken mit der EZB als zentrale Settlement-Institution

Erste Lösung: Alle Länder des Euroraums erhalten eine wirklich homogene Währung - den Euro - und die EZB wird eine wirkliche Settlement-Institution für nationale Zentralbanken.
Hierfür ist es nötig, dass jede nationale Zentralbank bei der EZB ein Girokonto eröffnet und dabei sicherstellt, dass genügend Guthaben darauf vorhanden sind. Als Vorbild dient hierzu die bereits existierende Regelung innerhalb homogener Währungsräume, also z.B. innerhalb Deutschlands oder Frankreichs. Jede Zahlung zwischen Währungsräumen würde innerhalb dieses TARGET3-Zahlungssystems in Echtzeit abgewickelt. Die EZB wäre somit eine übergeordnete Settlement-Institution, welche die Girokonten der partizipierenden Nationalbanken mittels EZB-Geld erhöhen oder senken würde. TARGET-Ungleichgewichte würden somit nicht mehr entstehen und die monetäre Vereinigung des Euroraums wäre (erst dann) Realität.
Zweite Lösung: Jedes EU-Land erhält seine nationale Währung zurück und die EZB fungiert als Settlement-Institution für Aussenhandelsungleichgewichte.
Diese Lösung würde verlangen, dass Netto-Importe von Gütern oder Dienstleistungen eines Landes am Ende des Geschäftstages neutralisiert werden mit entsprechenden Exporten von Wertschriften (Aktien oder Obligationen). Dies kann auf bilateraler oder multilateraler Basis geschehen. Die Forderungen und Verbindlichkeiten nationaler Zentralbanken würden hierbei laufend bei der EZB hinterlegt. Am Ende jedes Geschäftstages würde die EZB die Forderungen des einen Landes benützen, um damit Eigentumsrechte an Wertschriften des verschuldeten Landes zu kaufen, nach Berücksichtigung des offiziell geltenden Wechselkurses. Die EZB würde hierdurch zur Endgültigkeit von zwischenstaatlichen Zahlungen verhelfen. Jeder Netto-Export von Produkten eines Währungsraums würde am gleichen Tag kompensiert durch Netto-Importe von Wertschriften. Die Anhäufung von Fremdwährungen in nationalen Bankbilanzen aufgrund von Handelsbilanzungleichgewichten würde hierdurch verhindert. Das hätte ebenfalls die Folge, dass Wechselkursschwankungen effektiv abgeschafft würden. Ausschliesslich Devisentransaktionen führen zu Veränderung von Wechselkursen. Diese neue Regelung würde dazu führen, dass Währungen nicht mehr wie Tauschobjekte gehandelt, sondern einzig als Zahlungsmittel verwendet würden – was bekanntermassen ihrer Natur entspricht. Somit könnten Unternehmen ihre Planungssicherheit dramatisch erhöhen ohne unter den negativen Konsequenzen eines einheitlichen Währungsraums zu leiden.
Quellen:
Rossi, S. (2012) The monetary-structural origin of TARGET2 imbalances across Euroland, in Modern Monetary Macroeconomics, Gnos, C. and Rossi, S. (Eds.), Cheltenham: Edward Elgar.
Deutsche Bundesbank, Target2-Saldo. Gefunden auf: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Standardartikel/Kerngeschaeftsfelder/Unbarer_Zahlungsverkehr/target2_saldo.html

Kommentare:

  1. Ich hatte vor einiger Zeit das Problem der TARGET-Salden in die Frage gepackt: "Ist es gerechtfertigt, eine Forderung der EZB an eine NZB als Zentralbankgeld anzusehen oder nicht?" M.E. entscheidet sich daran die Frage, ob diese ein Problem sind oder nicht. Dabei halte ich die von Ihnen oben angedeutete Version, daß es sich bei dem EURO-Raum um 17 nationale Zentralbanken handelt, für den entscheidenden Hinweis. Denn solange die nationalen Zentralbanken gegenüber der EZB keiner Liquiditätsrestriktion unterliegen, sind TARGET-Salden nichts weiter als ein Informationsposten, wo das entsprechende Zentralbankgeld emittiert wurde. Das ist jedoch alles andere als spektakulär.

    http://soffisticated.wordpress.com/2012/07/01/was-ist-clearing/

    So gesehen enthalten die TARGET-Salden lediglich einen Hinweis über die Geldvermögensströme innerhalb des EURO-Raumes. Daß "abfließendes Geldvermögen" im "Süden" dort unbedienbare Forderungen hinterläßt ist die eigentliche Problematik des "einheitlichen Geldmarktes"!

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  3. Lieber R.

    Ich habe deinen Eintrag studiert und bin beeindruckt. Du hast die Sache sehr früh erkannt und tiefgründig erörtert. Du bist ganz anders ans Thema heran. M.E. hat der Euroraum gar kein europäisches Zentralbankgeld. Die EZB befindet sich geldtheoretisch auf derselben Stufe wie andere Zentralbanken (Emittiert sie deswegen die 18. Währung des Euroraums?). Die Deutsche Bundesbank gibt Deutsche Banknoten heraus, die französische gibt französische heraus (Ländercode erkennbar in der Seriennummer). Da die NZB keine Giroguthaben bei der EZB besitzen, welche zum settlement gebraucht werden könnten, gibt es auch keine Zentralbankgeldmenge. Banknoten sind also streng genommen auch keine EU-Währung, da internationale Netto-Exporte und -Importe innerhalb des Euroraums nicht mit ihnen endgültig bezahlt werden können. Wärst du mit dieser Aussage einverstanden?

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  4. Hi O.

    "M.E. hat der Euroraum gar kein europäisches Zentralbankgeld."

    Ja, ich weiß, daß B. Schmitt mal argumentiert hat, daß - sinngemäß - ein Export von Zentralbankgeld logisch unmöglich ist. Das wurde in einer Zeit geschrieben, als es noch keine EURO-Zone gab. Das ist ja insofern richtig, weil die Bilanzierungsfähigkeit von "Sorten" in einer Bilanz eines anderen Währungsraumes immer unter dem Vorbehalt der "Wertanpassung" stehen.

    Ein "griechischer" EURO wird in Holland jedoch genauso bilanziert wie er in Spanien etc. bilanziert würde: nämlich als EURO. Denn es gibt - bis jetzt - noch niemanden, der zwischen unterschiedlichen Herkunftsländern einer EURO-Banknote differenzieren würde. Denn die Schuldentilgungsfähigkeit von EURO-Banknoten ist derzeit durch nichts beschränkt.

    "Da die NZB keine Giroguthaben bei der EZB besitzen, welche zum settlement gebraucht werden könnten, gibt es auch keine Zentralbankgeldmenge."

    Das ist doch gerade der Clou: weil die NZBen die Zentralbankgeldemission betreiben gibt es 17+1 Zentralbanken in EURO-Land! Und alle emittieren dasselbe Zentralbankgeld! Der eigentliche Hänger ist: die Kriterien, nach denen diese Emission in den jeweiligen Ländern erfolgt sind höchst unterschiedlich! Heißt: die Qualität der Schuldversprechen ist in Deutschland anders als in Frankreich - von Griechenland ganz zu schweigen. Es ist also keine Mengen- sondern eine Qualitätsfrage. Qualitätsfragen sind aber immer damit verknüpft, daß sie mit unterschiedlichen Preisen, d.h. Zinsen einhergehen. Aus diesem Grunde ist die einheitliche Zinspolitik der "EZB" der eigentliche Fehler des EURO-Systems. H.W. Sinn hat es "Ausspreizung der Zinsen" genannt, was eigentlich dringend passieren müßte, damit sich in EURO-Land keine "Europäische Geldspaltung" ereignet.

    Das kann man auch bei Bagehot nachlesen: wenn es Bankprobleme gibt, dann muß zwar ein offenes Diskontfenster da sein - aber zu (fast) prohibitiven Zinsen!!! Sonst kapiert keine Bank, daß sie ihre Anlagestrategie ändern muß. Der Konsens-Quark der EZB besagt jedoch, daß in EURO-Land überall die gleichen Konditionen gelten sollen, was aber dem Grundsatz widerspricht, daß unterschiedliche Gegebenheiten auch unterschiedlich behandelt werden müssen.

    Das Witzige ist: der ESM soll ja gerade diese Differenzierungen erzeugen, die das EZB-System gerade nicht gestalten kann, weil das EZB-System auf Konsens angelegt ist. Da fragt man sich doch: warum macht man es nicht gleich richtig?

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  5. Hi R.

    Allors,... Meine Ansichten basieren hauptsächlich auf zwei Papieren. Das Eine, von S. Rossi, heisst "Central bank money and payment finality", man kann es online runterladen. Das andere heisst "The monetary-structural origin of TARGET2 imbalances across Euroland", ebenfalls von Rossi. Letzteres könnte ich dir einscannen und schicken, falls es dich interessiert.

    Es ist wahr, gemäss Schmitt geschieht jeder Fluss von Geld zusammen mit einem Rückfluss, flux et reflux.

    Ist die Frage bei den Banknoten nicht die, wo die Banknote als Schuld ursprünglich vermerkt worden war, als sie in Umlauf gesetzt wurde? Meines Wissens emittieren die NZBen die Euro-Banknoten, und alle Banknoten sind vermerkt mit einem Ländercode. D.h., wenn ein Grieche in Griechenland "bezahlt" mit einer Deutschen Banknote, besitzt der Bezahlte eine Forderung gegenüber der Bundesbank. Diese Schuldverschreibungen der NZB sind nicht homogen, denn die Griechische und die Deutsche Zentralbank haben kein gemeinsames Zahlungsmittel. Statt dessen bleiben Netto-Forderungen und -Schulden als Target-Salden übrig, und diese werden nicht umgetauscht in Guthaben und Schulden ggü. der EZB.

    Ich bin mir der Sache aber nicht ganz sicher, ehrlich gesagt. Hast du eventuell gute Links?

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  6. @ soffisticated

    Es ist also keine Mengen- sondern eine Qualitätsfrage. Qualitätsfragen sind aber immer damit verknüpft, daß sie mit unterschiedlichen Preisen, d.h. Zinsen einhergehen. Aus diesem Grunde ist die einheitliche Zinspolitik der "EZB" der eigentliche Fehler des EURO-Systems. H.W. Sinn hat es "Ausspreizung der Zinsen" genannt, was eigentlich dringend passieren müßte, damit sich in EURO-Land keine "Europäische Geldspaltung" ereignet.

    Können Sie mir dies noch näher erklären? M.E. manifestiert sich zurzeit gerade diese Ausspreizung der Zinsen. Funktioniert das in Ihren Augen? Sind Qualitätsfragen nicht auf viel tieferer Ebene, und unabhängig vom Preis, nämlich bei den angewandten Kriterien einzelner Kreditvergaben zu stellen? Nicht dass man als Makroökonom (oder auch sonst) auf dieser Ebene viel wir beeinflussen können, aber es scheint mir unter diesen Prämissen die einzig logische Konsequenz. Auch scheint mir die einfache Rechnung: höherer Zins = geringere Kreditnachfrage die Lehren aus allen bisherigen Kreditblasen zu missachten.

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  7. So, ich habe mir mal das erste Rossi-Paper angesehen und habe da doch einige Vorbehalte, die sich in zwei Punkten konkretisieren:

    1. Zum einen halte ich es für fragwürdig zu behaupten, daß jede Bank ihr eigenes Geld erzeugt, denn der Inhalt der Schuldverhältnisse gegenüber den Kreditnehmern ist nicht die Forderung gegen die jeweilige Bank, sondern die Übertragung von Zentralbankgeld zur Begleichung von Verbindlichkeiten. Ich halte daher die Vorstellung:

    "Yet, in any national economy there are several money issuers, namely, the central bank and the commercial banks making up the domestic banking system, each of them issuing its own means of payment."

    für nicht gut begründet. Zumal es ja auch so ist, daß jeder Kreditnehmer im Grunde das Recht hat, die Erfüllung der Zahlungspflicht des Kreditgebers auch in bar, d.h. in Zentralbankgeld zu verlangen - auch wenn das selten passiert.

    Aus diesem Passus hat sich wohl auch Ihre Ansicht herausgebildet, daß die NZBen in EURO-Land jeweils ihren eigenen EURO emittieren, was zumindest formal durch die Länderkennzeichnung auf den EURO-Noten gegeben sein könnte. Auf diese Idee kann man durchaus kommen - sie stammt soweit ich weiß von Otto Steiger. Ob man jedoch daraus schließen kann, daß eine Banknote aus Spanien einen anderen Stellenwert hat als eine Banknote aus Deutschland, halte ich für zweifelhaft. Zumal ja auch die Übergabe einer Banknote - wie auch Rossi schreibt - eine endgültige Tilgung einer Geldschuld bewirkt und nicht noch davon abhängig ist, welche NZB in EURO-Land diese betreffende Banknote emittiert hat. Schließlich ist ja bei Geldschulden die Banknote ja das Geschuldete und selbst keine Schuld - mithin auch keine Forderung gegen die Zentralbank, weil ja eine Banknote gerade den Ausweis der Erfüllung einer Schuld der Zentralbank hinsichtlich der Lieferung von Banknoten ist.

    Insofern halte ich es auch für zweifelhaft, ob diese Formulierung richtig ist:

    "Both commercial and central bank money (here in the form of notes and coins) are indeed means of final payment for the non-bank sector." (Seite 5)

    2. "Since this transaction on securities requires payment, and since it occurs in the interbank market, the central bank has to provide the means of final payment in the form of a sum of central bank money..." (Seite 12)

    Ich glaube nicht, daß ein Tagesgeldkredit, der von einer Bank mit Wertpapieren besichert ist einer zusätzlichen Zahlung bedarf. Für meine Begriffe ist ein Tagesgeldkredit ja auch der ausdrückliche Verzicht auf Zahlung, so daß sich dadurch die Besicherung als sinnvoll darstellt. Natürlich kann die zahlungspflichtige Bank die Wertpapiere bei der Zentralbank diskontieren und mit dem Zentralbankgeld, was ihr dafür zur Verfügung gestellt wurde auch endgültig zahlen. In diesem Fall ist die Einschaltung der Zentralbank sinnvoll. Die Darstellung von Rossi scheint mir dagegen "doppelt gemoppelt" zu sein.

    Was nun die TARGET-Salden angeht ist nach wie vor die Frage entscheidend, ob man die Forderung an eine NZB als Zentralbankgeld ansieht oder nicht - und natürlich, ob man den jeweiligen Zentralbanken ein individuelles Zentralbankgeld zurechnet. Die Behandlungsweise der EZB ist, sämtliche Noten der NZBen unterschiedslos zu behandeln - insofern scheint mir dieser Vorbehalt hinsichtlich der unterschiedlichen Länderkennzeichnung eher meta-theoretischer Natur zu sein.

    Was Links angeht, ist dieser Fundus bekannt?

    http://www.robertmwuner.de/materialien_euro_literatur_target2.html

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  9. Oha, da bestehen in diesem Fall zwischen dir und Bernard Schmitts Ansicht gewisse Unterschiede.

    Bekanntermassen ist ein Währungsraum definiert als der (nicht-geografisch gemeinte) Raum, in welchem monetäre Homogenität herrscht. Das bedeutet, dass alle innerhalb dieses Währungsraums emittierten Gelder zur undifferenzierbaren, gleichen Menge gehören. Das bedeutet, wie Rossi m.E. richtig schreibt, dass Bankgeld und Zentralbankgeld gleichermassen als Zahlungsmittel verwendet werden können.

    Obwohl Zentralbankgeld und Bankgeld mit Bezug auf die Fähigkeit, Schulden zu tilgen, homogene Objekte sind, unterscheiden sie sich hierarchisch. Erst Zentralbankgeld homogenisiert die Gelder, welche von Banken emittiert werden. Machen wir ein konkretes Beispiel. Wir haben in Zürich eine WIR-Bank, die nicht an das System der Girokonten der SNB angeschlossen ist. Dementsprechend ist WIR-Geld nicht perfekt substituierbar mit Schweizer Franken. Wenn also die WIR-Bank einen Kredit vergibt an eine Unternehmung, damit letztere einen Angestellten bezahlen kann, passiert folgendes:

    1. Die Bank belastest sich selbst (-), indem sie einen WIR-Schuldschein emittiert und diesen....
    2. an die Unternehmung gibt, welche dadurch ein Guthaben (+) gegenüber der Bank hat. Diesen Schuldschein gibt die Unternehmung sofort weiter an den Angestellten, was einer Belastung der Unternehmung (-) gleichkommt.
    3. Der Angestellte erhält diesen Schuldschein der WIR-Bank (+) und gibt ihn sofort aus (-) für ein Bankdepot bei der WIR-Bank. Der WIR-Schuldschein geht zurück an die WIR-Bank (+).

    Hier kommt das Schmitt-Prinzip zum Ausdruck: Jede der drei Parteien erhält sowohl eine Gut- wie auch eine Lastschrift mit WIR-Geld, es handelt sich also geldmässig um ein Nullsummenspiel für jede Partei (!). Am Ende bleibt ein positives Depot des Angestellten und ein negatives Depot der Unternehmung als Resultat übrig. Das Depot des Angestellten repräsentiert sein Einkommen, welches wiederum dem produzierten Output entspricht. Die Lohnbezüger als ganzes bezahlen sich also selbst, da sie das Objekt selbst produziert haben, welches sie in der Lohnzahlung erhalten.

    Sobald die WIR-Bank sich der SNB anschliessen würde und die anderen Banken Zahlungen der WIR-Bank dadurch akzeptieren, würden die WIR-Schuldscheine homogenisiert werden mit den Schuldscheinen von CS, UBS, Zürcher Kantonalbank etc. etc. Sprich, die WIR-Bank würde noch immer ihre eigenen Schuldtitel emittieren, jedoch wären diese Titel wesensgleich mit den anderen Geldern.

    Den Link kannte ich, danke.

    Kannst du damit etwas anfangen oder bist du nicht einverstanden? Oder bist du nicht einverstanden mit Schmitts Analyse?

    lg

    O.

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  10. Es würde mich doch mal wirklich interessieren, warum man davon sprechen sollte, daß Geld, welches als undifferenzierbar und der gleichen Menge angehörig beschrieben wird auf der anderen Seite als differenzierbar definiert werden kann. Ich kann es mir nur so erklären: es gibt unterschiedliche Adressaten (Banken), gegen die es eine Forderung gibt, die aber dennoch alle dasselbe Zentralbankgeld auf erste Anforderung, d.h. auf Sicht auszahlen müssen. Das heißt doch aber eigentlich, daß "Bankgeld" nur den Anspruch auf das Zentralbankgeld definiert und als Anspruch auch kein "Geld" darstellen kann, mit dem man schuldbefreiend zahlen kann.

    Das "Guthaben" eines Bankkunden ist ja auch aus gutem Grund ein Passivum der Bank, während das Zentralbankgeld als Medium der schuldbefreienden Zahlung bei der Bank stets auf der Aktivseite existiert - und nicht auf der Passivseite! Warum also Bankgeld (Bankpassivum) und Zentralbankgeld (Bankaktivum) homogene Objekte sein sollen, erschließt sich mir eigentlich nicht.

    Daß Banken ihre Verbindlichkeiten (Giralgeld/ Bankgeld) nur mit Zentralbankgeld - also ein Aktivum - ausgleichen können ist dagegen sonnenklar. Da kann man auch davon sprechen, daß Zentralbankgeld die "Bankengelder" homogenisiert, d.h. miteinander kommensurabel macht. Wäre das nicht der Fall, würde es zwischen den Banken dieselben Probleme wie auf jedem beliebigen Devisenmarkt geben, wo sich jeder erst mal darüber klar werden muß, wie der relative Preis der eigenen Sorte gegenüber anderen Sorten gerade steht.

    Die Sache mit dem 'reflux'-Prinzip ist ja unstrittig - das ist ja gerade die korrekte Idee von Schmitt, daß Geld seinen Inhalt (Wert) durch die "Aufladung" mit Realwerten erhält. Ich spreche in diesem Zusammenhang immer davon, daß "Geld ein relatives Maß der Produktion" ist - in bester Interpretation des Konzepts von Schmitt!

    Was die Sache aber komplizierter macht ist der Umstand, daß Ökonomie immer als stock-flow-Beziehung betrachtet werden muß und daher die Frage der Funktionsweise von Kapitalismus sich als etwas diffiziler erweist, als es durch das einperiodige 'reflux'-Prinzip erfaßt werden kann. In Mehrperiodenbetrachtung kann man es aber dennoch bestätigen, nur sind die technischen Konzepte ein bißchen komplizierter. Die entsprechende "Hardcore"-Nummer habe ich auf dr-menendez.de eingestellt. Wenn man so will, ist das Schmitt plus - auf stock-flow Beziehungen erweitert!

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  12. Mit Bezug auf den ersten Satz gebe ich dir Recht. Da muss ich noch einmal über die Bücher. Man könnte wohl sagen, alles Geld der Banken ist innerhalb eines Währungsraums gleich fähig, Schulden zu tilgen, sobald es eine zentrale Settlementpartei gibt, die mit Zentralbankgeld Forderungen ausgleicht.

    Zentralbankgeld ist auf der Aktivseite der Banken und auf der Passivseite der Zentralbanken. Insofern repräsentieren sie doch beide eine Schuld ggü. der Öffentlichkeit?...

    "Daß Banken ihre Verbindlichkeiten (Giralgeld/ Bankgeld) nur mit Zentralbankgeld - also ein Aktivum - ausgleichen können ist dagegen sonnenklar. Da kann man auch davon sprechen, daß Zentralbankgeld die "Bankengelder" homogenisiert, d.h. miteinander kommensurabel macht. Wäre das nicht der Fall, würde es zwischen den Banken dieselben Probleme wie auf jedem beliebigen Devisenmarkt geben, wo sich jeder erst mal darüber klar werden muß, wie der relative Preis der eigenen Sorte gegenüber anderen Sorten gerade steht." -- Völlig einverstanden.

    Deine Hardcore-Nummer muss ich mir noch reinziehen.

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  13. "Zentralbankgeld ist auf der Aktivseite der Banken und auf der Passivseite der Zentralbanken. Insofern repräsentieren sie doch beide eine Schuld ggü. der Öffentlichkeit?..."

    Hmm, da würde ich doch mal ganz einfach mit Schmitt argumentieren, daß das Geld seine "Aufladung" erst mit der Faktorentlohnung erhält und somit vorher nur ein "leeres Transportmittel" ist. Insofern könnte man davon reden, daß Zentralbankgeld eine "leere Schuld" ist, was sich ja auch darin zeigt, daß man aufgrund einer Banknote von der Zentralbank eigentlich nichts fordern kann - es sei denn den Umtausch in eine andere - z.B. unversehrte - Banknote.

    Es gibt aber noch eine andere Erwägung: die Forderung einer Bank gegenüber der Zentralbank hat den Inhalt, eine bestimmte Menge Zentralbankgeld geliefert zu bekommen. Dieser Forderung der Bank (Aktiv) steht eine Verbindlichkeit der Zentralbank (Passiv) gegenüber. Liefert die Zentralbank Zentralbankgeld als Banknoten aus erlöschen sowohl die Forderung als auch die Verbindlichkeit - denn die Lieferung ist nun erfolgt. Die Bank hat einen Kassenbestand, während die Zentralbank nur noch verbucht, wieviel Banknoten sie in Umlauf gegeben hat. Der Banknotenumlauf (Passiv) der Zentralbank ist so gesehen eigentlich nur ein Erinnerungsposten daran, daß sie ihre Verpflichtung erfüllt hat und gerade keine (Liefer)-Verpflichtung mehr hat.

    Das verweist auch darauf, daß es immer wieder schwer ist auseinanderzuhalten, daß Zentralbankgeld bei Kreditvorgängen das GESCHULDETE ist, selbst aber keine Schuld (Verbindlichkeit) und somit auch keine Forderung darstellt. Würde Zentralbankgeld selbst eine Schuld darstellen, könnte es nicht das Medium sein, mit dem man Geldschulden endgültig rechtsverbindlich tilgen kann. Aber man kann es!

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  14. Zu den ersten zwei Absätzen: Ich bin einverstanden, dass Zentralbankgeld nicht mit Waren aufgeladen sein muss. Wenn sich eine Geschäftsbank bei der ZB verschuldet, um eine Banknote zu ergattern, verschuldet sich gleichzeitig die ZB bei der Geschäftsbank. Es handelt sich also um ein blankes Geschäft, ein reiner Schuldtausch. Keine Produktion muss passiert sein.

    "Liefert die Zentralbank Zentralbankgeld als Banknoten aus erlöschen sowohl die Forderung als auch die Verbindlichkeit - denn die Lieferung ist nun erfolgt." Dies kann nicht sein, denn erhält man eine Banknote, ist die Verbindlichkeit immer noch auf der Passivseite der ZB registriert. Der Erhalt einer Banknote löscht keine Verbindlichkeit der ZB gegenüber ihrem Besitzer, sondern bestätigt sie. Der Eintrag in der ZB-Bilanz ist hierfür Bestätigung. Die Verbuchung des Banknotenumlaufs geschieht ja in Form einer Schuldanerkennung der ZB. Es ist nicht bloss Erinnerungsposten.

    "Würde Zentralbankgeld selbst eine Schuld darstellen, könnte es nicht das Medium sein, mit dem man Geldschulden endgültig rechtsverbindlich tilgen kann." Wieso nicht?

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  15. Sagen wir es mal ganz simpel: wenn man eine Schuld mit einer Schuld "bezahlt" hat man nicht bezahlt, sondern umgeschuldet. Um eine Schuld zu tilgen muß man den Gegenstand der geschuldet ist übergeben. Dieses ist das Grundmuster bei allen Kontrakten, die einen Austausch von Leistungen zum Gegenstand haben. Das ist bei Geldschulden nicht anders. Auch eine Geldschuld ist erst dann endgültig getilgt, wenn dasjenige übergeben wurde, auf das die Forderung lautet. Heißt: Zentralbankgeld kann für private Schuldverhältnisse keine Schuld darstellen, weil es im privaten Geschäftsverkehr stets darum geht Kontrakte endgültig abzuwickeln. Man kann argumentieren, daß im Zusammenhang mit Zentralbankkrediten das Zentralbankgeld eine "Schuld" der Zentralbank ist, das ist jedoch nur eine sophistische Spitzfindigkeit und keine reale Forderung. Diese kann für den privaten Sektor aber nicht als Schuld fungieren, weil sonst private Kontrakte immer unter dem Vorbehalt einer "Einlösung" stünden. Das geht nicht!

    Was dabei entscheidend ist, ist die Tatsache, daß ein zweistufiges Geldsystem eine Hierarchie definiert, die Kreditverhältnisse auf Zentralbankebene im Gegensatz zu Krediten auf der privaten Ebene differenziert. Das bedeutet, daß die Übergabe von Zentralbankgeld auf der privaten Ebene eine endgültige Zahlung darstellt, die keine Schuld zurückläßt. (Die Zahlung einer Rechnung im Gasthaus entbindet den Zahlenden von jeglicher Schuld dem Gasthaus gegenüber - etwas anderes wäre unmöglich!)

    Das liegt daran, daß Zentralbankgeld im Zusammenhang mit privaten Kontrakten das Objekt der Schuld darstellt, aber selbst keine Schuld ist. Die im Hintergrund stets existierende Hierarchie der Geldebenen ist ein weitgehend unbekannter Tatbestand, dessen Bedeutung von der ökonomischen Theorie weitgehend ignoriert wird. (Deswegen hängt die ökonomische Theorie immer noch an der Quantitätstheorie fest!) Das ist deswegen erstaunlich, weil dieser Unterschied in Zeiten der Goldwährung noch weitgehend bekannt war. Man kann es so sehen: Zentralbankgeld ist das "Gold" des Kreditgeldkapitalismus - oder anders: der Zahlungsmittelstandard!

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  16. Hi R

    Ich bin mit allem so ziemlich einverstanden, ausser bei dem einen Satz: "daß Zentralbankgeld im Zusammenhang mit privaten Kontrakten das Objekt der Schuld darstellt, aber selbst keine Schuld ist". Intuitiv kann ich mir etwas darunter vorstellen, aber habe trotzdem noch Mühe: Wenn Geld immer als Schuld und Forderung innerhalb einer Zahlung existiert (asset-liability, etc.), und Zahlungen ZentralbankGELD zur Abwicklung involvieren, wie kann dann Zentralbankgeld keine Schuld sein? Darf ich fragen, ob das deine Interpretation ist oder diejenige von Schmitt?

    Ich kann z.B. einen Kredit aufnehmen bei einer Geschäftsbank, welche sich wiederum bei der ZB verschulden muss, um Banknoten zu erhalten, damit ich von der Geschäftsbank diese Banknoten beziehen kann. Sobald ich die Banknote auf dem Gütermarkt ausgebe, habe ich eine Nettoschuld ggü. der Geschäftsbank, die Geschäftsbank ggü. der Zentralbank, die Zentralbank ggü. dem neuen Banknotenbesitzer (= Verkäufer). Die Schuldbeziehung ist also wie folgt zusammengefasst:

    Konsumkreditbezüger --> Geschäftsbank --> Zentralbank --> Warenverkäufer.

    Sowohl Geschäftsbank wie auch Zentralbank sind Intermediäre bei diesem Geschäft und zusammen als Teile eines Bankensystem emittieren sie die notwendigen Geldeinheiten, um die Zahlung zu bewerkstelligen.

    Sprechen wir noch vom Gleichen?

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  17. "...wie kann dann Zentralbankgeld keine Schuld sein?"

    Das ist vom Prinzip her genau dasselbe, warum ein Schuldverhältnis, welches auf die wechselseitige Übergabe von Goldnuggets lautet, einen Erfüllungsgegenstand hat, welcher keine Schuld darstellt, sondern genau die Sache, auf die der Kreditvertrag lautet. Der Unterschied ist doch nur, daß Zentralbankgeld eine "fiktive Sache" ist, die auch physisch vorliegen kann. Das verhindert aber nicht, daß deswegen, weil ein Kreditvertrag vom Schuldner verlangt, daß genau diese Geldeinheiten wieder zurückzuübertragen sind, diese "fiktiven Sachen" für den Verkäufer sehr wohl einen Wert bedeuten, da die Nichterfüllung eines Kredits mit realen Vermögensverlusten verbunden ist.

    Ich vergleiche die Gleichsetzung von Zentralbankgeld und Kredit gerne mit dem Paradoxon des Lügners, weil auch hierbei die Vermischung der logischen Ebenen für ein unlösbares Paradox sorgt, welches ohne eine klare Trennung der involvierten hierarchischen Ebenen nicht lösbar ist. Ich hatte das vor einiger Zeit hier mal thematisiert:

    http://soffisticated.wordpress.com/2013/02/06/logische-typenlehre-ii-das-basisgeld/

    Wenn man es erst mal geschafft hat Geld und Kredit auseinanderzuhalten lösen sich ebenso prominente wie fehlerhafte Thesen wie die "Geldschöpfung der Banken" im Grunde genommen in einem logischen Rauchwölkchen einfach auf. Dann sieht man nämlich, daß Banken nichts anderes machen als gegenseitige Schuldverhältnisse zu erzeugen, denen sie selbst entsprechen müssen, weil sie sich damit verpflichten ihren Gläubigern auf erste Anforderung hin Zentralbankgeld zur Verfügung stellen zu müssen. Das erklärt das Liquiditätsproblem der Banken, weil sie die "fiktive Sache" eben nicht selbst erzeugen können.

    Was die Intermediäre angeht: die Zentralbank kann kein Intermediär sein, weil sie die einzige Quelle des Zentralbankgeldes ist. Es gibt keine andere. Insofern ist für meine Begriffe die Darstellung, daß die Zentralbank einem Zentralbankgeldbesitzer gegenüber irgendetwas "schuldig" sei, nicht gut begründet. Man sollte sich durch den Umstand, daß der Zentralbankgeldumlauf auf der Passivseite der Zentralbankbilanz steht nicht zu sehr verwirren lassen, denn diese Position hat eher Grundkapitalcharakter, ohne daß für dieses Grundkapital ein Geber existieren würde. Das ist ja der Clou, daß Zentralbankgeld von der Zentralbank nach Bedarf und den Erfordernissen der Geldpolitik emittiert werden kann, ohne daß es dafür eine Restriktion gibt. Die Nichtexistenz dieser Restriktion ist übrigends auch das, was die TARGET-Salden möglich gemacht hat, auch wenn inzwischen die EURO-Zone im Fall Zypern eine Suspendierung (Plafondierung) des TARGET-Systems vorgenommen hat und damit dem EURO mehr schadet, als alle "Spekulanten" zusammengenommen. Aber das nur nebenbei.

    "Sprechen wir noch vom Gleichen?" Ich denke schon!

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