Donnerstag, 1. Juli 2010

Fazit aus 30 Jahren Monetarismus

Milton Friedman war die treibende Kraft hinter der konservativen Revolution der 1970er und 80er Jahre. Seit Reagan und Thatcher dominiert - mindestens rhetorisch betrachtet - eine Mischung aus Angebotsökonomie (Betonung der Anreize) und Monetarismus (Betonung der Geldwertstabilität) die angelsächsische Wirtschaftspolitik. Friedman wird neben Keynes häufig als grosser Makroökonom des 20. Jh gelistet. Doch wieviel bleibt heute, vier Jahre nach seinem Tod, von seinem intellektuellen Erbe übrig? Das beinahe 30-jährige natürliche Experiment soll hier gedeutet werden.

Gemäss dem einflussreichen US-Ökonomen variieren Zinsen aufgrund von Änderungen der Geldmenge. Hohe und steigende Zinsen werden mit einer steigenden Geldmenge, tiefe und fallende Zinsen werden mit einer abnehmenden Geldmenge assoziiert. Eine steigende Geldmenge führt demnach zu einer Zunahme des Konsums und der Investitionen, dadurch steigen die Preise und - wegen der höheren Investitionsnachfrage - die Zinsen. Vor allem glauben Monetaristen noch immer, dass es die effizienteste Art der Inflationsbekämpfung sei, die Geldmenge durch Zinspolitik zu steuern. Der Glaube, dass Inflation bekämpft werden könne durch höhere Zinsen, welche eine Reduktion der Ausgaben bewirken, und das Deflation bekämpft werden kann durch tiefe Zinsen, welche zu einer Erhöhung der Ausgaben führen, ist so weit verbreitet unter Ökonomen, dass es eine Art ökonomisches Axiom darstellt.

In politischen und akademischen Kreisen triumphierte Friedmans Neu-Erfindung der alten Quantitätstheorie des Geldes vollständig. De facto wurde sie schon von Aristoteles, Locke und Hume beschrieben, stellte also keine wirklich neue theoretische Leistung dar. Immer noch stellt die Kausalität dM -> dP in Universitäten ein intellektuelles Nadelöhr dar, durch das sich Studenten der Volkswirtschaftslehre hindurchzwängen müssen, wollen sie jemals in die höheren Gefilde ökonomischer Vielwisserei aufgenommen werden. In diesem akademischen Sinne ist Friedmans Erbe lebendig und stark vertreten. Insbesondere überlebte das NAIRU-Konzept von Friedman an gewissen Universitäten bis heute - obschon die 90er-Jahre in den USA einen empirischen Gegenbeweis lieferten: tiefe Inflation und tiefe Arbeitslosigkeit während mehreren Jahren. Die ständigen Anpassungen der inflationsstabilen Arbeitslosenquote an die neuen Tatsachen sind ein Zeichen für die Absurdität dieser Theorie.

Für Friedman ist das Preisniveau abhängig von der Beziehung zwischen zwei "Massen", den Gütern und Dienstleistungen einerseits und der "Masse Geld" andererseits. Das Ziel der Geldpolitik ist es dann, dass sich diese zwei "Massen" im Gleichschritt bewegen.

Praktische Nationalbankiers hören schon längst nicht mehr auf Friedmans Ratschläge. Keine einzige Nationalbank auf der Welt steuert heute noch direkt Geldaggregate an. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Notenbankiers passiv und versorgten die Kapitalmärkte mit Liquidität zu tiefen Zinsen. 1979 begann die US-Fed mit ihrer Mission, die Geldmenge zu kontrollieren. 1981 versuchte sie durch dramatische Zinserhöhungen, die Inflation in den Griff zu bekommen. Die Arbeitslosenquote schoss in die Höhe, Unternehmen konnten ihre Zinsen nicht mehr bezahlen, die streckenweise über 20% stiegen. Die tiefe Rezession von 1980-81 war also absichtlich geschaffen worden. Die hohen Zinsen wirkten sich über drei Kanäle aus: erstens wurden die Drittweltländer, die sich in Dollar verschuldet hatten, durchgerüttelt; ihre Importe aus den USA brachen zusammen. Zweitens brach die nationale Produktion der USA wegen den hohen Zinsen ein. Drittens stieg der US-Wechselkurs im Vergleich zu den anderen Währungen, was zu einem zusätzlichen Absinken der Exporte führte.

Für jeden Beobachter hätte derweil klar sein müssen, dass der Preisanstieg hauptsächlich den gestiegenen Ölpreisen aus dem Ausland zu verdanken war und dass sich das Verhältnis von nationaler Geldmenge zu nationaler Produktion deswegen nicht veränderte. Es handelte sich nicht um nationale Geldentwertung (= Inflation), sondern um internationale Kaufkraftverschiebung. Die Einnahmen der OPEC-Länder aus Erdölverkäufen stiegen von 1972 bis 1980 von knapp $100Mrd auf knapp $600Mrd. Die $500Mrd Differenz waren eine reine Kaufkraftverschiebung - ermöglicht durch Kartellpreise - weg von den erdölimportierenden hin zu den erdölexportierenden Ländern. Mit Geldentwertung hat das nichts zu tun. Restriktive Geldpolitik war vollkommen nutzlos, denn man kann mit amerikanischen Leitzinsen nicht die Preispolitik der OPEC steuern. Die Konsumentenpreise stabilisierten sich schliesslich nicht wegen der hohen Zinsen, sondern weil sich der Ölpreis stabilisierte. Die US-Fed hörte glücklicherweise 1982 damit auf, die Höhe der Reserven zu beeinflussen versuchen. 1986 hörte man mit dem sinnlosen Versuch auf, M1 beeinflussen zu wollen. 1993 hörte man vollständig damit auf, monetäre Aggregate steuern zu wollen. Effektiv setzte die US-Fed also bloss für sehr kurze Zeit monetaristische Politik um. Es war nicht nur eine schmerzhafte Zeit für die US-Bevölkerung, die unter einer Arbeitslosenquote von über 10% leiden musste. Es war eine peinliche Übung für die Nationalbanken, weil sie merkten, dass sie keinen Einfluss auf die Menge der Bankdepots hatten. Zentralbanken - dies lernten die Praktiker daraus - haben die Geldmenge nie kontrolliert und konnten dies auch nie.

In der Schweiz waren die Erfolge monetaristischer Ratschläge mindestens so ernüchternd, weshalb Schweizer Nationalbanker der Wichtigkeit der Geldmengsteuerung heute allerhöchstens noch Lippenbekenntnisse zollen: 1975-1978 versuchte die SNB (als eine der erste Nationalbanken der Welt überhaupt), M1 zu steuern. Der Versuch scheiterte kläglich: nicht nur konnten die Ziele nicht erreicht werden; es gab auch keinerlei sichtbaren Zusammenhang zwischen der Inflation und dem M1-Wachstum. 1980 bis 1989 versuchte man also M0 zu steuern, da das einfacher ist. Doch auch M0 konnte nicht kontrolliert werden, und wieder gab es keinen Zusammenhang mit der Inflation. Um den Ruf der SNB nicht ganz ins Lächerliche zu ziehen, entschied man 1990, 5-Jahres-Ziele für M0 herauszugeben. Nicht einmal das wurde geschafft, weshalb man 1999 ganz damit aufhörte, Geldmengenaggregate anzusteuern. Deshalb verfolgt die SNB seit 1999 eine reaktive Inflation-Targeting-Strategie. Statistiken über Geldaggregate werden nur noch in Fachpublikationen gezeigt. Kaum jemand interessiert sich noch für sie. Die Notenbanker haben verstanden, dass, wenn man die Ursache von Inflation nicht kennt, es auch keinen Sinn macht, eine proaktive Geldpolitik zu betreiben. Während also praktische Notenbanker von der Absurdität der Geldmengensteuerung wissen, wird in Universitäten mangels Alternativen immer noch mit Modellen gearbeitet, die 1) davon ausgehen, dass man die Geldmenge mit der Geldpolitik effektiv steuern kann und 2) axiomatisch annehmen, dass (irgendwelche) Geldaggregate (M0, M1,...., M7) eng mit der Inflation korrelieren.

Man kann deshalb sagen, dass der Monetarismus zumindest in angelsächsischen Ländern bloss von 1979 bis 1985 offizielle Politik war. Die Theorie war empirisch so eindeutig widerlegt, dass sogar Milton Friedman selbst zugeben musste, dass seine Ansichten fragwürdig waren. 2003 liess er sich von der Financial Times zitieren: "The use of quantity of money as a target has not been a success (...) I'm not sure I would as of today push it as hard as I once did." Tatsächlich hatte die US-Fed schon längst damit aufgehört, Geldmengenstatistiken ernst zu nehmen.

Auch der sogenannte "Geldschöpungs- oder Kreditschöpfungsmultiplikators" findet in der Praxis der Banken weder Anwendung noch Wichtigkeit. Praktische Bankiers sprechen Kredite unabhängig von ihren Reservepositionen. Bankdirektoren wissen weder, wieviele Reserven im Bankensystem sind, noch interessiert es sie. Kreditsprechungen hängen vom Preis der Reserven und den erwarteten Einkünften ab, aber bestimmt nicht von der Höhe der Reserven. Kaum eine Notenbank bildet sich noch ein, dass sie über die Bankreserven irgend einen Einfluss auf die Inflation hat. Die Reservesätze sind in verschiedenen Ländern denn auch extrem unterschiedlich (0 bis 30%), ohne dass dies einen sichtbaren Einfluss auf die Geldwertstabilität hätte.

Als eigentlich neoklassischer Ökonom pendelte Friedman zwischen zwei - in sich selbst und zueinander - widersprüchlichen Gelddefinitionen. Einerseits sei Geld ein Gut, das produziert wird. Andererseits sei Geld ein "Schleier", der den realen Tausch irgendwie ermöglicht. Friedman glaubte - wie die Neoklassiker -, dass es genüge, Geld nachträglich in ein Allgemeines Gleichgewichtsmodell "einzupflanzen", um eine monetäre Ökonomie zu verstehen. Die monetäre und die reale Welt sind bei den Monetaristen - wie auch bei den Neoklassikern - vollständig getrennt. Dass die Finanzierung der Produktion durch Bankkredite eine intime Beziehung zwischen Geld und Produktion herstellt, sah Friedman im Unterschied beispielsweise zu Knut Wicksell, auf den er sich bezog, nicht.

Was bleibt makroökonomisch gesehen also heute von Friedmans Erbe übrig, wo sich seine geldpolitischen Überlegungen als empirisch widerlegt und theoretisch widersprüchlich erwiesen haben? Die Antwort muss lauten: nichts als ein Politischer Philosoph des Anti-Etatismus.

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