Freitag, 4. Dezember 2009

Übersetzung aus Prof. Sergio Rossi's: "Macroéconomie Monetaire" (Kapitel 1.1.2.)

Die Frage, wie man "die Masse" Geld definieren und messen soll, war in der ganzen Wirtschaftsgeschichte und in allen Geldtheorien präsent. Wie bereits erwähnt, wurden in der Geschichte verschiedene Objekte gebraucht, um Geld zu repräsentieren: Muscheln, Sand, Steine, Zähne, Pelz, Tierköpfe, Zigaretten, und so weiter. Da es immer schwierig war, und immer noch schwierig ist, die Natur des Geldes zu begreifen, haben Ökonomen untereinander vereinbart, Geld durch seine Funktionen zu definieren. Die funktionelle Definition von Geld wird von Hicks (1967, p. 1), Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1975, gegeben, der sagte: "Geld ist, was als Geld gebraucht wird". Von dort her stammen die drei traditionellen Funktionen des Geldes, das nun als Messeinheit, als Wertaufbewahrungsmittel und als Zahlungsmittel angesehen wird. Weil durch die funktionelle Definition von Geld die Unterscheidung zwischen Zahlungsmittel und liquiden Finanzaktiva erschwert wird, wird die Geldmasse mit einem variablen Massstab gemessen (M0, M1, M2,... Anm. d. Ü.). Wie Bofinger (2001, p.4) berechtigterweise bemerkt, "wenn nicht klar ist, was "Geld" ist, ist es auch nicht möglich zu sagen, was die Funktionen von "Geld" sind". Betrachten wir einige historische Beispiele von Problemen in dieser Hinsicht:


  • Im neunzehnten Jahrhundert waren Ökonomen mit der Frage beschäftigt, ob Sichteinlagen bei einer kommerziellen Bank "Geld" seien, wie dies das Zentralbankgeld bereits in dieser Epoche war.

  • In den 1960er Jahren ging es im die Frage, ob Sparkonti Geld im eigentlichen Sinne seien, auf gleicher Stufe mit den Sichteinlagen bei der Bank.

  • In den 1980er Jahren beschäftigte Ökonomen die Frage, ob gewisse Finanzaktiva von hoher Liquidität "Geld" seien - das Wort "Quasi-Geld" wurde in diesem Zusammenhang benutzt, namentlich für Staatsanleihen oder öffentliche Schuldscheine.

  • In den Anfängen der 2000er Jahre wurde die Frage gestellt, ob die verschiedenen Formen "elektronischen Geldes" Geld im eigentlichen Sinne seien.
Da in der Geldtheorie (noch) keine einheitliche Definition von Geld existiert, wird in der geldpolitischen Praxis eine empirische oder funktionelle Definition von verschiedenen Geldformen gebraucht, basierend auf der Klassifizierung M0, M1, M2, M3, M4. Es existieren in der Tat mehrere Definitionen von Geld, die auf der Basis verschiedener "Liquiditätsgraden" abwechselnd betrachteter monetärer Instrumente beruhen. Allgemein gesagt, sind die dadurch erhaltenen monetären Aggregate die folgenden:

M0 = Monetäre Basis (Notenbankgeldmenge)
M1 = M0 + Sichteinlagen bei kommerziellen Banken
M2 = M1 + Spareinlagen bei kommerziellen Banken
M3 = M2 + Termineinlagen in kommerziellen Banken
M4 = M3 + Einlagen in "Quasi-Banken"

Die Messung der Geldaggregate ist infolgedessen eine variable Geometrie und kann von verschieden grossen konzentrischen Kreisen repräsentiert werden, während M0 der kleinste Kreis darstellt, gefolgt vom Kreis M1, und so weiter (Grafik 1.1).

Die monetären Aggregate reflektieren die finanzielle Situation einer Volkswirtschaft. Da mehrere Definitionen von Geld existieren (M0, M1, M2, M3, M4), ist es wichtig, dass die Nationalbank ein Geldaggregat betrachtet, das sie mit ihren zur Verfügung stehenden Instrumenten beeinflussen und kontrollieren kann (siehe hierzu Kapitel 7 und 8).

Notieren wir bereits jetzt, dass die Nationalbank die monetäre Basis M0 direkt kontrollieren kann, da diese von der Nationalbank selbst emittiert werden kann, während es viel schwieriger von der Nationalbank ist, M1, M2 oder M3 zu kontrollieren, das nicht nur von der monetären Basis abhängt, sondern gleichermassen von anderen Faktoren, namentlich vom Verhalten der Nicht-Banken (es reicht hier, an Transfers zwischen Aggregaten zu denken: zum Beispiel werden Sichtguthaben in Terminguthaben transformiert, oder vice versa, in Differentialfunktionen der Zinsrate, welche die verschiedenen Depots auszahlen). Ausserdem hat die geldpolitische Praxis gezeigt, dass es sogar für die Zentralbank schwierig ist, die monetäre Basis zu kontrollieren und die erwünschte Veränderung der Anzahl Zentralgeldeinheiten genau zu erreichen. Dieser Punkt wird im dritten Kapitel dieses Buches wieder aufgenommen werden.

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