Mittwoch, 12. Mai 2010

Die Natur von Einkommen

Beginnen wir die Analyse mit der Emission von Geld. Die strikten Regeln der Logik verlangen von uns, dass wir von tabula rasa ausgehen; es existieren noch keine Einkommen. Damit vermeiden wir die logische Absurdität, dass wir die Entstehung von Einkommen erklären würden, indem wir voraussetzen, dass Einkommen bereits existiert (denke z.B. an den Wirtschaftskreislauf aus der Grundschule, wo man erklärt, wie die "Einkommen umherfliessen", aber nicht erklärt wird, wie und wo genau diese Einkommen zuallererst entstehen).

Wird der Lohn eines Arbeiters nach einer Produktionsperiode ausbezahlt, schreibt die Bank eine Zahl, £y, auf seine Aktivseite. Dies ist die Schuld der Unternehmung an die Bank. (Exakt) Gleichzeitig schreibt sie den Lohn des Arbeiters, £x, auf die Passivseite. Die Operation, die zu £y führt, muss gezwungenermassen zur Schöpfung von £x führen. Die Operation, die es erlaubt, dem Arbeiter den Betrag £x zu überweisen, muss deshalb genauer untersucht werden.


Die Bezahlung des Arbeiters ist natürlich die Bezahlung seiner Arbeit auf dem Faktormarkt. Erst, wenn die Arbeit auf den Faktormärkten bezahlt wurde, existiert die Kaufkraft, um die Produkte auf dem Gütermarkt zu kaufen. Die Bezahlung eines Arbeiters benötigt deshalb kein bereits existierendes Einkommen. Jedoch definiert die Bezahlung von Arbeit eine spezielle Art von Transaktion: Einkommen (Kaufkraft) wird in der Bezahlung des Lohns simultan mit Preisen determiniert. Vor der Bezahlung von Löhnen sind Preise und Einkommen nicht determiniert. Durch die Bezahlung des Lohnes auf Faktormärkten wird Geld mit physikalischem Output assoziiert und Output, indem es einen Preis erhält, wird zum Objekt von Einkommen.

Obige Abbildung zeigt, dass, obwohl ein Arbeiter mit nominalem Geld bezahlt wird, sein Einkommen ein positives Guthaben definiert. Der Verdienst £x wurde also von niemandem "aufgegeben" oder "verloren", sondern ist eine eigentliche Schöpfung von Einkommen. Der Arbeiter hat durch seine Arbeit also zwei Dinge hergestellt: das Produkt und - gleichzeitig - das Einkommen. In welchem Verhältnis stehen Einkommen und Produkt? Sind sie entkoppelte, oder gar kumulative Phänomene? Zeigen wir dieselbe Grafik ein wenig abgeändert:

Wir unterstreichen noch einmal, dass das Einkommen des Arbeiters für die Unternehmung nicht verloren gegangen ist. Die Analyse der Buchhaltungspraxis von Banken bestätigt diesen Umstand ganz eindeutig. Das Unternehmen zahlt via Bank die Löhne an den Arbeiter. Die Bank kreiert die dafür notwendige Geldsumme, um auf der Aktivseite £y und auf der Passivseite gleichzeitig £x einzutragen.

Was passiert nun, wenn der Arbeiter sein Einkommen auf dem Produktemarkt ausgibt? Dazu müssen wir zwei neue Konzepte einführen: der relative und der absolute Tausch.

Ein relativer Tausch ist ein Tausch zweier unterschiedlicher Objekte. Der Tausch macht diese zwei Objekte zwar äquivalent, jedoch existieren nach dem Tausch beide Objekte weiterhin. Sie zirkulieren also in gegenseitige Richtungen, wie in folgender Abbildung dargestellt:


In dieser Abbildung wird das Gut a gegen das Gut b getauscht. Relativ heisst der Tausch, weil nach dem Tausch beide Güter weiterhin existieren. Doch dies ist nicht der Fall, wenn ein Arbeiter sein Einkommen ausgibt. Durch ihre Arbeit stellen Arbeiter ein physikalisch existentes Produkt her, welches den Inhalt ihres Einkommens definiert. Geld und Output werden deshalb nicht als zwei autonome Entitäten getauscht. Das Produkt und das Einkommen definieren eine logische Identität, sie sind die Objekte voneinander (die nationale Buchhaltung bestätigt diese buchhalterische Tatsache mit der Identität "Einkommen = Produktion"). Konsum ist deshalb kein relativer Tausch zwischen zwei autonomen Objekten, sondern definiert einen absoluten Tausch. Ein absoluter Tausch ist ein Tausch zwischen einem Objekt mit sich selbst. Betrachtet man wieder die zweite Bankbilanz oben, so ist ersichtlich, dass die Ausgabe des Einkommens auf dem Produktemarkt dazu führt, dass das Guthaben des Arbeiters und die Schuld der Unternehmung gleichzeitig zerstört werden. Während also Produktion zur Schöpfung eines Einkommens führt, definiert Konsum (negative Produktion) die Zerstörung von Einkommen.

Die Bezahlung des Lohnes ist eine Emission; Arbeiter bekommen dadurch ihr eigenes Produkt in der Form von Geld. Die Beziehung zwischen Output und Einkommen definiert deshalb nicht bloss eine Äquvalenz, sondern eine IDENTITÄT. Mit derselben Transaktion gibt und nimmt das Unternehmen dem Arbeiter dasselbe Objekt: durch die Emission von Geld gibt das Unternehmen dem Arbeiter das Einkommen und nimmt dafür sein Produkt. Deshalb ist der Tausch absolut.

Das Produkt des Arbeiters befindet sich nun zwar physikalisch (und juristisch) gesehen beim Unternehmen; ökonomisch gesehen gehört es aber dem Arbeiter, der mit dem Einkommen die Kaufkraft über das Produkt besitzt. Ergänzen wir die Ausführungen mit einigen grafischen Darstellungen. Die Eröffnung einer Kreditlinie an eine Firma definiert eine nominelle Emission von Geld in der folgenden Form:
Diese Transaktion ist im modernen Banking eine Off-Balance-Sheet-Transaktion; sprich, sie wird gar nicht in der Bankbuchhaltung eingetragen. Wenn eine Bank einer Unternehmung einen Kredit von, sagen wir, 10'000 CHF gewährt, schuldet die Bank der Unternehmung (+) 10'000 CHF, und die Unternehmung schuldet der Bank (-) 10'000 CHF zurück. Erst wenn der Unternehmung diese Kreditlinie braucht, geschieht monetär etwas. Sobald nun eine Unternehmung die Kreditlinie benutzt, indem sie ihre Arbeiter bezahlt, trennen sich die positiven und negativen Komponenten von Geld:


Wie wir nun sehen besitzen Arbeiter positives Geld, während das negative Gegenstück von der Unternehmung übernommen wird. Die zwei Komponenten der Transaktion - das "+" und das "-" - stellen deshalb die zwei Aspekte derselben Realität dar: Geld. Das positive Geld in obiger Darstellung ist das neu geschaffene Einkommen. Output ist das Objekt dieses Einkommens.

Heute denken viele Ökonomen, Einkommen sei eine kontinuierliche oder diskontinuierliche Funktion der Zeit, eine Art Fluss ("Einkommen/Zeitheinheit"). Wenn das so wäre, so hätte dieser Fluss eine gewisse Intensität, und das Resultat dieses Flusses wäre = Zeit * Intensität des Flusses. Hierher stammt das missglückte Konzept der "Umlaufgeschwindigkeit des Geldes", das zurück verfolgt werden kann bis David Hume, und danach von Mill, Marx, Fisher und Mises wieder verwendet wurde.

Doch Einkommen ist das Resultat einer augenblicklichen Transaktion. Geldlöhne sind der numerische Ausdruck von Einkommen. Einkommen ist nicht bloss eine Nummer; es hat ebenfalls einen realen Inhalt, definiert durch seine Assoziation mit dem Produkt. Produktion ist die Operation, durch welche physische Produkte in Geld getauscht wird. Somit ist es klar, dass Produktion eine augenblickliche Operation ist, welche durch die Ausbezahlung des Lohnes definiert wird.

aus A. Cencini: Money, Income and Time

Montag, 3. Mai 2010

Die Produktion und die Zeit

Alle grossen Ökonomen haben sich ausgiebig mit dem Problem der Zeit beschäftigt. Alfred Marshall bemerkte, dass sein partialökonomisches Angebots- und Nachfrageschema die Zeit ausklammert, und erkannte, dass das Problem der Zeit der Dreh- und Angelpunkt jedes ökonomischen Problems ist. Keynes schrieb seine Dissertation über das Problem einer Wahrscheinlichkeitsrechnung in der unsicheren Zeit. Böhm-Bawerk erkannte, dass man Kapital mit Zeit messen könnte, und legte so den Grundstein für spätere Theorien. Weiter waren sich alle grossen Oekonomen bewusst, dass der Schlüssel zum makroökonomischen Verständnis in der Geldtheorie liegt. Deshalb haben sich Smith, Marx, Ricardo, Wicksell, Schumpeter, Keynes und Kaldor allesamt ausgiebig mit Geldtheorie beschäftigt, mit der Frage also, was die Natur von Geld sei. Heutige Ökonomieprofessoren denken kaum über solche Themen nach. Man gebraucht in heutigen ökonomischen Modellen statische und dynamische Analysen, wobei die dynamische Analyse eine blosse Aneinanderreihung unendlich vieler statischer Analysen darstellt, und deshalb das Problem der Zeit nicht löst, sondern einfach durch die Annahme eines kontinuierlichen Zeitverlaufs übergeht. Die Einheiten in statischen und dynamischen Modellen sind dieselben. Geld wird von vielen Ökonomen derweil immer noch als eine Art Gut behandelt, dessen Wert auf seiner Knappheit beruht - seine buchhalterische, dimensionslose Natur wird per Annahme umgangen.

Das ökonomische Problem der Zeit und des Geldes wurde vom französischen Ökonomen Bernard Schmitt auf eine ganz neue Weise aufgerollt. Seine Theorien werden erst von einer Handvoll Professoren unterrichtet: sein Buch "Inflation, Chômage et Malformations du Capital" liegt verstaubt in einigen wenigen Bibliotheken, unübersetzt und out of print. Dabei greift er in diesem 1984 geschriebenen Buch jede bisherige populäre Makroökonomik von Quesnay bis Friedman an. Seine Theorie wurde noch von keinem Anhänger einer anderen ökonomischen Schule widerlegt. Dass dieses Buch unbemerkt in den Bibliotheken verstaubt, ist eine Tragödie, zumal Schmitt in dem Buch sehr konkrete buchhalterische Lösungsvorschläge dafür liefert, wie Inflation, systemische Arbeitlosigkeit und das Problem der Schulden zwischen Staaten in einer Welt mit Ankerwährungen bekämpft werden können.

Eine warnende Vorbemerkung: der erste Teil wird dem Leser unnötig wortreich und abgehoben erscheinen. Da erging es mir nicht anders. Je länger man jedoch darüber nachdenkt, desto wichtiger erscheint die Analyse der Zeit in der Ökonomie, denn von ihr hängt die Frage ab, ob wir die ökonomische Realität mit Gleichungssystemen à la Walras erklären können. Nur in einer Welt mit kontinuierlicher Zeit kann man Ökonomik mit linearer Algebra betreiben; denn dies setzt voraus, dass wir das zentrale ökonomische Phänomen (Produktion) als Funktion eines anderen Phänomens (Zeit) beschreiben können. Wir müssen beweisen, dass dies nicht geht, dass Produktion keine Funktion der Zeit ist, um den Raum für eine völlig neue Makroökonomie zu öffnen.

Es folgt ein Abriss Bernard Schmitts Argumentation über die Produktion und die Zeit, die Grundlage seiner Theorie.

Man denkt heute, dass die Produktion, weil sie eine Bewegung ist, eine Art Geschwindigkeit sei: Ein Raum, der innerhalb einer Zeiteinheit durchlaufen wird. Mechanisch gesprochen heisst das:

  • Produkt = Produktion * Zeiteinheit

Ökonomen gehen also analog den Gesetzen der Mechanik vor, die besagt:

  • Distanz = Geschwindigkeit * Zeiteinheit

In der klassischen Mechanik ist klar: ein Objekt durchläuft innerhalb einer gewissen Zeiteinheit einen Raum. Am Ende wurde eine Distanz zurück gelegt.

Aber welchen Raum durchläuft die Produktion? Wenn die Antwort darauf lautet, dass das Produkt selbst dieser Raum ist, macht man zwei widersprüchliche Aussagen:

  • Wenn es wahr ist, dass Produktion = Produkt pro Zeiteinheit ist,
  • dann ist es absurd, das Produkt als den Raum zu verstehen, der von der Produktion durchlaufen wird; denn das Produkt kann vor der Produktion nicht existieren.

Um Widersprüche zu reduzieren, muss man Logik einsetzen. Die Produktion ist einzigartig, weil sie eine Bewegung ist, die den Raum "vor sich" kreiert, während die klassischen Bewegungen Verschiebungen in einem vorher definierten Raum sind. Die Bewegung muss sich also ihren Raum in der Verschiebung selbst schaffen. Dies ist ein eleatisches Paradoxon, genannt nach dem griechischen Logiker Zenon von Elea (bekannt durch den Trugschluss von Achilles und der Schildkröte).

Die Distanz zwischen Achilles und der Schildkröte wird "ewig" halbiert, und Achilles wird der Schildkröte deshalb "ewig" hinterher rennen müssen. Genauso wie das Paradoxon der Produktion, kann das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte nicht in der kontinuierlichen Zeit gelöst werden.

Jede Produktion, die sich in der unendlich kleinen Zeiteinheit vollzieht, resultiert in einem unendlich kleinen Produkt. Im Gegensatz dazu ist eine Geschwindigkeit innerhalb einer unendlich kleinen Zeiteinheit immer noch genau gleich gross wie die Geschwindigkeit innerhalb einer unendlich grossen Zeiteinheit. Während in der klassischen Physik die Distanz = Geschwindigkeit mal Zeiteinheit ist, kann sich die Ökonomie dieser mechanischen Betrachtung nicht bedienen, wenn sie die Gesetze der Logik nicht verletzen will. Das Produkt ist nicht gleich der Produktion mal Zeiteinheit, da Produktion und Produkt dasselbe Mass haben. Produktion ist demnach keine Geschwindigkeit. Die Produktion muss, wenn sie nicht logisch widersprüchlich sein will, definiert sein in der unteilbaren, der Quanten-Zeit. Die Produktion im Kontinuum, wie sie von der Wirtschaftstheorie angenommen wird, existiert auf diesem Planeten nicht. Die heutigen Wirtschaftstheorien beschreiben so im besten Fall die Wirtschaften irgend eines entfernten Planeten, auf dem andere logische Gesetze gelten.

Anders, vielleicht deutlicher ausgedrückt: teilt man die Produktion in unendlich viele kleine Produktionsperioden, so muss die Produktion innerhalb einer einzigen unendlich kleinen Periode entweder null oder positiv sein. Die Summe dieser unendlich vielen nullen ist wiederum null; die Summe unendlich vieler positiver Produktionsschritte ist unendlich gross. Beide Aussagen decken sich nicht mit der Realität. Und die Dinge können nicht anders sein, als sie sind.

Wenn wir die Zeit in immer kleinere Parzellen unterteilen, wenn wir die Unterteilung ins Unendliche treiben, so verschwindet blöderweise das Phänomen, das wir eigentlich erklären wollten: das Produkt.

Das Paradoxon von Zenon löst sich also auf, sobald wir uns in die Welt der unteilbaren Zeit begeben. Hier zeigt sich, dass Produktion keine Bewegung im Raum, sondern in der Zeit ist; sie quantiziert Zeit und schafft deshalb einen Raum: das Produkt. Jedoch sind die Resultate der Produktion von vielen Menschen, die Produkte, nicht untereinander vergleichbar, sie sind heterogen. Die Masse (weich gesprochen) verschiedener Produkte gehören nicht derselben Dimension an. Es gibt unendlich viele Attribute, anhand deren ein Produkt umschrieben werden kann: Farbe, Form, Alter, Länge, Gewicht, etc... Um die Ökonomie wissenschaftlich betreiben zu können, müssen diese heterogenen Produkte homogenisiert werden. Sprich auf eine gemeinsame Dimension gebracht werden. Die Homogenisierung der Produkte geschieht erst durch die Einführung von Zahlen. Dies ist die Funktion des Geldes: ein Wertmassstab. Das Geld ist die sina qua non-Bedingung für die Existenz eines Numéraire. Die logische Verbindung von Geld mit Produktion ist somit die erste Aufgabe für eine wissenschaftliche Ökonomie. Der Mainstream stellt sich noch heute vor, dass die Nationalbank durch einen geheimnisvollen Mechanismus "Geld ins System pumpt" - als wäre dies eine hydraulische Operation - und bleibt infolgedessen völlig ignorant gegenüber der Funktionsweise moderner Zahlungssystemen. Dadurch haben wir heute eine faktische Trennung der Wert-, Geld- und der Produktionstheorie.

Nachdem also ein Quantum von Zeit vergangen ist, entsteht augenblicklich ein Produkt, welches die Menge Zeit ökonomisch definiert. Dies geschieht dann, wenn der Arbeiter für seine Arbeit bezahlt wird. Das folgende passiert:

Das Unternehmen verschuldet sich bei der Bank, um dem Arbeiter einen Lohn ausbezahlen zu können. Gleichzeitig verschuldet sich die Bank beim Arbeiter, der den Lohn bezieht. De facto verschuldet sich die Unternehmung also indirekt beim Lohnbezüger; der Lohnbezüger gewährt der Unternehmung via die Bank einen Kredit in der exakten Höhe seines Lohns. Buchhalterisch geschieht das folgende: wenn das Unternehmen die Schuld eingeht, schreibt die Bank auf der Aktivseite der Bankbilanz eine Zahl, -x$. Genau gleichzeitig geht beim Arbeiter ein Lohn von +x$ ein, welcher auf der Passivseite der Bank notiert wird. Das Depot auf der Passivseite und das Depot auf der Aktivseite sind zwei Aspekte derselben Realität, untrennbar miteinander verbunden: das eine Depot lebt und stirbt durch das andere. Geld ist nun derjenige augenblickliche Fluss, der die zwei Depots schöpfte. Sobald die Transaktion beendet wird, erlischt der Fluss, und die Depots bleiben übrig. Geld existiert somit nur während einer Transaktion, und zwischen den Transaktionen existieren Depots. Während Geld die Funktion des Zahlungsmittels hat, ist das Depot ein Wertaufbewahrungsmittel.

Das Depot des Arbeiters auf der Passivseite der Bank entsteht natürlich durch die Auszahlung seines Einkommens. Dieses Depot "Geld" zu nennen, ist in etwa so verdreht, wie wenn wir der erdzugewandten und der erdabgewandten Seite des Mondes zwei verschiedene Satellitennamen gäben. Beide Mondseiten sind die zwei Aspekte desselben Objektes - des Mondes. Genauso sind das positive Depot des Arbeiters und das negative Depot (die Schuld) der Unternehmung zwei Aspekte derselben Realität. Geld ist deshalb ein Aktivum-Passivum: ein Fluss, der zur Schöpfung eines negativen und eines positiven Depot führt. Das Passivdepot kann nur in Verbindung mit seiner dazugehörigen Zahl auf der Aktivseite existieren, und beide Depots werden durch einen Fluss von Geld, der sich augenblicklich selbst erschöpft, kreiert.

Die Monetarisierung der Produktion durch Banken schafft Einkommen. Nicht umgekehrt. Das vermuteten schon die englischen Banker des 18. Jahrhunderts (Banking School). Knut Wicksell, Schumpeter, Keynes, Kaldor - sie alle waren dem auf der Spur. Sie bemerkten durch Beobachtung und logisches Denken, dass eine Kreditvergabe (= Schöpfung eines Aktivdepot) zu einem entsprechenden Einkommen auf der Passivseite führte. Sie wussten: Es braucht keine vorherigen Ersparnisse, um investieren zu können. Ersparnisse sind der buchhalterische Fussabdruck von Investitionen. Keynes schrieb deswegen ein wenig kryptisch, dass es einer Wirtschaft zwar an Investitionen mangeln kann, aber niemals an Ersparnissen - denn die Investitionen rufen ihre Ersparnisse hervor. Dies meinte er mit S=I. S=I ist keine Gleichgewichtsbedingung, es gibt keinen Anpassungsmechanismus. S=I ist eine logische Identität, die in jedem Zeitpunkt aus logischen Gründen erfüllt sein muss. John K. Galbraith schrieb einmal: "The process by which banks create money is so simple that the mind is repelled". Banken schreiben eine Zahl auf die Aktivseite, wodurch augenblicklich eine Zahl auf der Passivseite entsteht. Was Galbraith verpasste, war die Verbindung des Prozesses der endogenen Geldschöpfung mit dem Produktionsprozess.

Was ist nun Einkommen? Einkommen ist das vom Arbeiter geschaffene Produkt in seiner numerischen Form. Nur so macht das Gesetz der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Sinn: Produktion = Einkommen. Die Bezahlung des Lohnes stellt einen absoluten Tausch dar: im exakten Moment der Lohnzahlung wird physischer Output mit sich selbst getauscht durch die Intermediation von Geld und Banken. Das Produkt löst sich von seiner physischen Form, um sich in eine numerische Form zu tauschen: Einkommen. Die Assoziation des Einkommens mit dem Produkt, die Adam Smith als "the Great Wheel of Circulation" erkannte, definiert den numerisch ausdrückbaren Wert des Produktes und gleichzeitig die Kaufkraft des Einkommens. Ein zweiter absoluter Tausch erfolgt im Moment des Konsums. Das Einkommen des Arbeiters tauscht sich gegen sich selbst auf dem Produktemarkt mit dem Produkt aus, wodurch das Einkommen des Arbeiters und die Schuld der Unternehmung gleichermassen und gleichzeitig zerstört werden. Dies muss so sein. Wenn Produktion zur Schöpfung eines Einkommens führt - dies wird niemand abstreiten - muss Konsum dieses Einkommen zerstören; ansonsten würden sich die Einkommen ad infinitum auftürmen. Das Produkt existiert nach dem Konsum nicht mehr ökonomisch, sondern bloss noch in Form eines Konsumentennutzen. (Ein späterer Wiederverkauf desselben Produktes ist monetär gesehen bedeutungslos - dies ist bloss ein Tausch von Einkommen gegen ein Gut, ein relativer Tausch also, ohne jegliche Wirkung auf die Kaufkraft des Geldes)

Versteht man mich?

Mittwoch, 31. März 2010

Theoriengeschichte des Geldes: Metallismus vs. Chartalismus


Die Theorienstränge, welche sich mit der Natur des Geldes befassen, können in den Metallismus und den Chartalismus unterteilt werden. Obzwar der Ursprung beider Theorien zurück zu Plato und Aristoteles verfolgt werden kann, wurden die Begriffe Metallismus und Chartalismus von Knapp (1905) erstmals verwendet. Schumpeter hielt tatsächlich fest, dass beide Theorien inkompatibel seien (zit. in Ellis, 1934: 3).
Der Metallismus besagt, dass Geld ein Gut ist, oft in der Form eines wertvollen Metalls wie Gold oder Silber. Der Wert des Geldes ist deshalb durch den Wert des Metalls bestimmt. Im Gegensatz dazu beruht der Wert des Geldes im Chartalismus auf seiner sozialen Akzeptanz, unabhängig von seinem Güterwert.
Betrachten wir diese zwei Haupttheorien, welche bis heute unser Verständnis von Geld weitgehend prägen.
Metallisten halten fest, dass Geld als Tauschware generell akzeptiert werden muss und alle Güter, die als Tauschware generell akzeptiert werden, Geld genannt werden sollten. Geld ist hier eine “Kreatur des Marktes”: ein knappes Gut, welches die Transaktionskosten des Tauschhandels überwinden hilft. Auch die Österreichische Schule vertritt diese Meinung; nach Menger (1892) besitzen Güter verschiedene Grade von “Veräusserbarkeit”: der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage führe dazu, dass ein generell akzeptiertes Tauschgut (Geld) mit einer bestimmten Menge an Gütern und Dienstleistungen assoziiert wird. Dieses leicht handelbare Gut wird dann nach Friedman (1974) zum Tauschmittel, wodurch der Akt des Kaufs und des Verkaufs separiert werden kann. Mit den Worten Clower’s: “Money buys goods and goods buy money; but goods do not buy goods”.
Obschon der Metallismus noch immer das Fundament der neoklassischen Geldtheorie darstellt, definieren Neoklassiker Geld seit dem berühmten Satz von Hicks (“money is what money does”) nur noch anhand seiner Funktionen: 1. Wertaufbewahrungsmittel, 2. Zahlungsmittel und 3. Wertmassstab.
Doch wenn die Natur einer Sache nicht bekannt ist, wie kann man ihre Funktionen definieren? Wegen dieser alogischen, funktionellen Definition von Geld gehen Neoklassiker der unangenehmen Frage aus dem Weg, wieso Geld heute auch noch eine relativ stabile Kaufkraft hat, obwohl man zunehmend (und bald nur noch) digital bezahlt und die Golddeckung längst aufgehoben wurde. Es wird immer offensichtlicher, dass Geld ein rein buchhalterisches Phänomen ist.
Die Menger’sche Definition von Geld, von den meisten neoklassischen Ökonomen - mindestens implizit - akzeptiert, präsentiert das Dilemma, dass das Objekt ihrer Analyse (Gütergeld) in absehbarer Zeit aufgrund des technischen Fortschritts im Zahlungsverkehr vollständig dematerialisiert wird und deshalb veschwindet. Der heutige neoklassische Mainstream der Geldtheorie fusst auf dem Modell der Suchkosten des Geldes von Kiyotaki und Wright (1989, 1991, 1993), welche den metallistischen Ansatz von Menger im Grunde akzeptieren. Konsequenterweise argumentieren diese, dass Papiergeld seinen Wert durch die metallischen Reserven erhält, die der Währung zugrunde liegen. Geld ist somit bloss das n-te Gut innerhalb eines Sortiments an verkaufbaren Gütern. Diese Sicht deckt sich auch mit Walras’s Definition, der schrieb: “our standard measure must be a certain quantity of a given commodity”.
Auch David Ricardo verstand Geld als Gut, erkannte jedoch, dass die Existenz absoluter Preise somit eine logische Unmöglichkeit war. Ohne absoluten Wertmassstab könnten nur relative, nicht aber absolute Preise existieren. Tatsächlich besitzt Ricardo’s Dilemma in der physikalischen Welt keine Lösung, in der alle heterogenen Produkte anhand verschiedener Massstäbe (Grösse, Länge, Gewicht, etc.) gemessen werden können.
Schon Adam Smith (1776) erkannte, dass Geld nicht mit einem Gut verwechselt werden dürfe, als er schreibt: “the great wheel of circulation is altogether different from the goods which are circulated by means of it”. Er erkannte, dass sich der Wert des Geldes nicht von seinem Güterwert ableitet, sondern von seiner Assoziation mit Produktion herrührt.
Diese wertvolle Einsicht wurde durch die Neoklassik rückgängig gemacht, indem sie ein Numéraire-Gut einführten und dieses Gut als Zahl definierten. Die erste und essentielle Aufgabe der Ökonomie als Wissenschaft – die Erklärung von Produktion und ihre Assoziation mit Zahlen – wird somit durch eine axiomatische Aussage ermöglicht: Ein Gut = Eine Zahl. Die magische Verwandlung von Gütern in Zahlen steht somit im Herzen der neoklassischen Geldtheorie, wodurch die Ökonomie folgenschwer zum Teilbereich der angewandten Mathematik reduziert wurde.
Nachdem die Probleme der Metallistischen Betrachtung von Geld erörtert wurden, gehen wir zum Chartalismus über.
Chartalisten nannten sich lange Anti-Metallisten, weil sie sich der metallistischen Betrachtung widersetzten, jedoch keine eigene, positive Theorie von der Natur von Geld hatten. Doch wenn sich der Wert des Geldes nicht durch seinen Güterwert bestimmt, weshalb sind Produzenten sonst bereit, ihre Produkte gegen Geld zu tauschen? Die Lösung der Chartalisten war, dass der Wert des Geldes aufgrund seiner sozialen Akzeptanz und –verbunden hiermit – durch den Staat und seine Gesetze zustande kommt. Was auch immer Menschen akzeptieren, um gegenseitig ihre Schulden zu tilgen, wird Geld. Die Bedeutung von Märkten und Knappheit wird von Chartalisten deshalb kleiner gewichtet, die Wichtigkeit von integrierten Gesellschaften und staatlicher Hoheit viel höher. Fortgeschrittene Gesellschaften entwickelten immer schon Zahlungssysteme, mit denen gesellschaftliche Schulden getilgt werden konnten. Der Staat ist hier vor allem wichtig, weil er von seinen Bürgern Steuern verlangt. Die Währung, mit der die Steuerschuld beglichen werden soll, wird dabei vom Staat vorgeschrieben, weshalb diese Währung zum allgemeinen Standard wird.
Wenn der Staat Schweizer Franken akzeptiert, so wird die soziale Akzeptanz institutionalisiert, wodurch der Schweizer Franken zur "harten" Währung wird. Aus der Sicht der Chartalisten kann der Staat “auf Knopfdruck” Geld herstellen, da er in der Position ist, Geld auszugeben, bevor es mit Steuereinnahmen verdient wurde.
Innerhalb des Privatsektors wird Staatsgeld deshalb als Nettovermögen betrachtet, ohne korrespondierende Schuld. Dieses Geld des Staates wird sodann in den Geschäftsbanken als Reserve hinterlegt, welche sodann Kredite vergeben können. Dies bedeutet, dass in der chartalistischen Sicht Staatsgeld exogen und Bankgeld ein Vielfaches davon ist, analog berechnet mit dem Geldschöpfungsmultiplikator der Metallisten. Die Chartalisten glauben somit auch an die Seignorage-Theorie, die besagt, dass der Staat Münzen und Papiergeld zu vernachlässigbar tiefen Kosten herstellen und verkaufen kann (ein phänomenales Geschäft, wäre es denn wahr!). Das bedeutet, dass der Staat alles kaufen kann, indem er einfach Staatsgeld herausgibt.
Das Problem besteht darin, dass die Kaufkraft des Geldes nicht erklärt wird. Die Aussage "Geld besitzt Kaufkraft, weil Menschen akzeptieren, dass es Kaufkraft besitzt", hat wissenschaftlich keinen Wert; genau wie der Satz "Gravitation existiert, weil akzeptiert wird, dass Gravitation existiert" keine wissenschaftlich gehaltvolle Aussage darstellt. Nach Wray definiert sich der Wert des Dollars auch durch den “Aufwand” der Arbeiter, den Dollar zu erhalten. Dies zeigt, dass die Arbeitswerttheorie für die Erklärung der Kaufkraft zuhilfe genommen werden muss.
Tatsächlich kann der Staat mit "neuem Staatsgeld" nicht Produkte kaufen, die noch nicht produziert wurden. Bevor irgendetwas überhaupt produziert werden kann - ausgehend von tabula rasa - muss eine Unternehmung einen Kredit bei einer Bank verlangen, um den Lohn ausbezahlen zu können. Dasselbe gilt für den Staat, der eine Kreditlinie bei einer Geschäftsbank eröffnen muss, um Staatsangestellte entlöhnen zu können.
Es braucht keine Staatsmacht oder Steuerhoheit, um eine Wirtschaft zu monetarisieren. Die Realität zeigt, dass Unternehmen auch in Ländern produzieren, in denen der Staat verhältnismässig schwach ist und Steuern schlecht erheben kann. Dies war schon vor der Existenz von Banken so: Goldschmiede agierten als Banken, indem sie alle Schulden- und Vermögenswerte in einem Buch notierten, welche bald ihre Goldbestände weit überstiegen. Zertifikate aus Papier von Goldschmieden wurden als Zahlungsmittel akzeptiert. Das Fundament einer jeden Geldwirtschaft ist somit der Kredit, nicht der Staat.


Quelle: Sergio Rossi, Money and Payments in Theory and Practice

Samstag, 12. Dezember 2009

Die unselige Brücke zwischen Keynes und der Neoklassik

Keynesianer brüten seit Jahrzehnten über der Frage, wieso sich Keynes mit seiner vielgerühmten "General Theory" der Neoklassik annäherte. Immerhin war es sein expliziter Wunsch, die walrasianische Gleichgewichtsanalyse, die weder mit Geld noch Zeit umzugehen weiss, zu verlassen. Es ist die bittere Ironie des Schicksals, dass Keynes Theorie heute vollständig in die neoklassische Analyse integriert worden ist; somit wurden sämtliche originelle und revolutionäre Einsichten Keynes von der Neoklassik verdrängt. Das Resultat ist, dass ökonomische Modelle heute noch immer weder Geld noch Zeit integrieren.

In diesem Artikel will ich kurz erläutern, wo Keynes monetäre Analyse meiner Meinung nach in die schiefe Bahn geriet. Für den interessierten Leser wird auf weiterführende Literatur von Alvaro Cencini verwiesen.

Keynes Theorie der General Theory ist, denke ich, sehr verdichtet in Paul Krugmans Metapher der Babysitter-Gemeinschaft ausgedrückt. In dieser Babysitter-Gemeinschaft wurden in einer Nachbarschaft von der "Zentralbehörde" Coupons an junge Eltern verteilt. Wer für einen Abend einen Babysitter braucht, kann mit einem Coupons bezahlen. Das andere Pärchen bekam dafür einen Coupon, den es selbst wieder ausgeben konnte. Somit ist auf kluge Weise gewährleistet, dass langfristig jedes Pärchen gleichviel babysittet, wie es selbst Babysitting-Dienstleistungen bezieht.

Das Problem war nun, dass die Pärchen die Coupons in gewissen Zeiten horteten, um an einem späteren, ungewissen Zeitpunkt genügend Punkte zu haben. Es gab also keine genügende Nachfrage nach Babysittern - statt dessen horteten die Pärchen die Coupons, was wiederum die Unsicherheit bei anderen Pärchen erhöhte, selbst keine Coupons zu bekommen. Ein Teufelskreis also. Schliesslich konnte das Problem nur gelöst werden, indem neue Coupons gedruckt wurden - der konstante Strom neuer Coupons von der "Zentralbehörde" führte dazu, dass die Babysitter-Gemeinschaft beruhigt Coupons ausgeben konnte - der Kreislauf kam wieder in Schwung.

In die reale Welt umgesetzt sind die Coupons natürlich Geld, und das Zurückhalten der Coupons repräsentiert das Horten von Geld, wodurch die effektive Nachfrage abnimmt und Arbeitslosigkeit entsteht.

Das ist also, in der verdichtetsten Ausdrucksweise, die Kernaussage der General Theory. Aus diesem Grund gilt - laut Keynes und seinen Anhängern - Say's Gesetz nicht; ein Angebot führt nicht zu seiner eigenen Nachfrage, wenn das Zahlungsmittel als Wertaufbewahrungsmittel gehortet wird.

Anhand dieser Metapher können wir verstehen, wieso Keynes in der General Theory eigentlich neoklassisch argumentiert. In Keynes' Auffassung in der General Theory ist Geld ein Gut (an asset), wie Gold- oder Silbermünzen, dass von einer Obrigkeit (Zentralbank) in den Wirtschaftskreislauf "gepumpt" werden kann. Wäre Geld tatsächlich ein Gut, wie die Neoklassiker (und Keynes in der GT) denken, dann hätte Keynes tatsächlich recht. Wäre Geld eine Goldmünze oder ein Coupons, der von einer Zentralbehörde exogen gesteuert werden könnte, dann würde das Horten von Goldmünzen zu ungebrauchten Ressourcen führen. Erst, wenn der Goldbesitzer sein gehortetes Gold ausgeben würde, könnte jemand wieder arbeiten. In der Metapher mit der Babysitter-Gemeinschaft repräsentiert das Geld auch eine Art von Gut: der Coupons ist ein Versprechen auf eine zu erbringende Dienstleistung. Wie in der Krugman-Metapher mit den Coupons kann in der General Theory die Zentralbank die Geldmenge exogen erhöhen. Also: Coupons in den Umlauf pumpen.

Geld ist aber weder ein Gut, noch kann die Nationalbank Geld ins System "pumpen". Wie jedermann sofort zugeben muss, schenkt die Nationalbank keiner Geschäftsbank und keiner Firma je Geld. Die Nationalbank kann Kredite an Banken vergeben, die die Geschäftsbanken aber zurückbezahlen müssen. Somit ist es ausgeschlossen, dass die Nationalbank die Geldmenge exogen erhöhen kann. Wenn Geld also kein Gut ist, wie Keynes in der GT sagt* und die Neoklassiker denken, was ist es denn?

Geld entsteht endogen durch die Kreditvergabe von Geschäftsbanken. Ende Monat bekommt ein Arbeiter den Lohn - d.h., die Bank gibt der Unternehmung einen Kredit, damit sie dem Arbeiter sein Einkommen überweisen kann. Das Einkommen des Arbeiters entsteht in dieser Transaktion simultan mit der Schuld der Unternehmung gegenüber der Bank. Aus der Sicht der Bank ensteht in diesem Prozess ein Aktiv-Depot (die Schuld der Unternehmung gegenüber der Bank) und ein Passiv-Depot (die Schuld der Bank an den Lohnbezüger) simultan. Geld ist also eine buchalterische Aktiv-Passiv-Kreatur. Geld ist gleichzeitig ein Aktivum und ein Passivum, ein positives Depot und ein negatives Depot. Geld entsteht und zerstört sich wieder innerhalb dieser Transaktion - Geld ist deshalb selbst ein Fluss, der die Schöpfung eines positiven Depots und eines negativen Depots gleichzeitig zur Folge hat. Deshalb eine Aktiv-Passiv-Kreatur.

Nach der Transaktion hat der Lohnbezüger ein Ausübungsrecht über ein Depots auf der Passivseite der Bankbilanz. Das Depots gibt dem Arbeiter die Kaufkraft über das vom Arbeiter selbst produzierte Produkt, das nun im Besitz der Unternehmung ist. Das Unternehmen hingegen schuldet der Bank denselben Betrag, der die Bank dem Lohnbezüger schuldet.

Aus dieser kurzen Skizze der Natur des Geldes wird eines ersichtlich: Geld kann nicht gehortet werden. Geld ist ein Fluss, der zur Schöpfung eines positiven und negativen Depots gleichermassen führt. Sobald der Fluss vollzogen ist - dies dauert nur einen Augenblick - ist der Fluss "Geld" wieder verschwunden. Streng genommen ist die Geldmenge deshalb in jedem Zeitpunkt der Geschichte gleich null, während die aggregierte Zahl auf der Passivseite der Bankbilanzen der numerische Ausdruck der auf dem Produktemarkt angebotenen Güter und Dienstleistungen darstellt.

Wenn sich ein Lohnbezüger entscheidet, sein Einkommen (ein Passivkonto der Bank) nicht auszugeben, führt das zwar zu einem Abfallen der Nachfrage nach Gütern auf dem Produktemarkt. Jedoch wissen wir nun, dass das Passivkonto der Bank notwendigerweise einen "alter Ego" besitzt: das Aktivkonto der Bank. Diese zwei Depots - beide repräsentiert durch eine Zahl - stellen eine Identität dar. Es sind die zwei Seiten derselben Münze, wie die Venus für die einen der Morgenstern, die anderen der Abendstern ist. Solange die Bank also den Kredit an die Unternehmung aufrecht erhält, existiert eine Nachfrage nach dem gelagerten Gut auf dem Finanzmarkt. Die Kosten der Unternehmung sind deshalb durch die finanzielle Nachfrage der Bank gedeckt.

Das Horten von Geld ist in einer modernen Geldwirtschaft also nicht möglich. Wenn Arbeiter weniger Einkommen ausgeben, senkt sich die Nachfrage auf dem Produktemarkt. Diese Nachfragesenkung wird jedoch kompensiert durch die finanzielle Nachfrage nach den Gütern durch Banken. Solange die Bank bereit ist, den Kredit an die Unternehmung zu verlängern, kann die Unternehmung die Kosten der Produktion deshalb decken.

Wäre Geld tatsächlich ein Gut, würden die neoklassischen Modelle mit einigen Einschränkungen (rational behaviour/expectations etc.) recht gut stimmen. Geld ist jedoch kein Gut, sondern ein buchhalterisches Geschöpf, das zur gleichzeitigen Schöpfung eines positiven und eines negativen Depots in der Bankbilanz führt. Auf dieser Erkenntnis - sie ist bis heute logisch unangefochten, jedoch nur wenigen Ökonomieprofessoren bekannt - sollte eine moderne makroökonomische Theorie fussen.

*Es sei hier darauf hingewiesen, dass Keynes von der Endogenität von Geld wusste. Auch andere brilliante Ökonomen, wie Joseph A. Schumpeter in seinen späten Jahren, erkannten diese Tatsache. Aus immer noch ungeklärten Gründen hat Keynes aber gerade in seinem Hauptwerk die Geldmenge als eine exogene Masse angenommen, von der Zentralbank kontrollierbar. Langfristig gesehen war dies ein fataler Fehler - kurzfristig half es ihm, Anerkennung unter neoklassischen Ökonomen zu erlangen und seine Intuition durchzubringen: mehr öffentliche Güter, mehr Umverteilung.

Freitag, 4. Dezember 2009

Übersetzung aus Prof. Sergio Rossi's: "Macroéconomie Monetaire" (Kapitel 1.1.2.)

Die Frage, wie man "die Masse" Geld definieren und messen soll, war in der ganzen Wirtschaftsgeschichte und in allen Geldtheorien präsent. Wie bereits erwähnt, wurden in der Geschichte verschiedene Objekte gebraucht, um Geld zu repräsentieren: Muscheln, Sand, Steine, Zähne, Pelz, Tierköpfe, Zigaretten, und so weiter. Da es immer schwierig war, und immer noch schwierig ist, die Natur des Geldes zu begreifen, haben Ökonomen untereinander vereinbart, Geld durch seine Funktionen zu definieren. Die funktionelle Definition von Geld wird von Hicks (1967, p. 1), Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1975, gegeben, der sagte: "Geld ist, was als Geld gebraucht wird". Von dort her stammen die drei traditionellen Funktionen des Geldes, das nun als Messeinheit, als Wertaufbewahrungsmittel und als Zahlungsmittel angesehen wird. Weil durch die funktionelle Definition von Geld die Unterscheidung zwischen Zahlungsmittel und liquiden Finanzaktiva erschwert wird, wird die Geldmasse mit einem variablen Massstab gemessen (M0, M1, M2,... Anm. d. Ü.). Wie Bofinger (2001, p.4) berechtigterweise bemerkt, "wenn nicht klar ist, was "Geld" ist, ist es auch nicht möglich zu sagen, was die Funktionen von "Geld" sind". Betrachten wir einige historische Beispiele von Problemen in dieser Hinsicht:


  • Im neunzehnten Jahrhundert waren Ökonomen mit der Frage beschäftigt, ob Sichteinlagen bei einer kommerziellen Bank "Geld" seien, wie dies das Zentralbankgeld bereits in dieser Epoche war.

  • In den 1960er Jahren ging es im die Frage, ob Sparkonti Geld im eigentlichen Sinne seien, auf gleicher Stufe mit den Sichteinlagen bei der Bank.

  • In den 1980er Jahren beschäftigte Ökonomen die Frage, ob gewisse Finanzaktiva von hoher Liquidität "Geld" seien - das Wort "Quasi-Geld" wurde in diesem Zusammenhang benutzt, namentlich für Staatsanleihen oder öffentliche Schuldscheine.

  • In den Anfängen der 2000er Jahre wurde die Frage gestellt, ob die verschiedenen Formen "elektronischen Geldes" Geld im eigentlichen Sinne seien.
Da in der Geldtheorie (noch) keine einheitliche Definition von Geld existiert, wird in der geldpolitischen Praxis eine empirische oder funktionelle Definition von verschiedenen Geldformen gebraucht, basierend auf der Klassifizierung M0, M1, M2, M3, M4. Es existieren in der Tat mehrere Definitionen von Geld, die auf der Basis verschiedener "Liquiditätsgraden" abwechselnd betrachteter monetärer Instrumente beruhen. Allgemein gesagt, sind die dadurch erhaltenen monetären Aggregate die folgenden:

M0 = Monetäre Basis (Notenbankgeldmenge)
M1 = M0 + Sichteinlagen bei kommerziellen Banken
M2 = M1 + Spareinlagen bei kommerziellen Banken
M3 = M2 + Termineinlagen in kommerziellen Banken
M4 = M3 + Einlagen in "Quasi-Banken"

Die Messung der Geldaggregate ist infolgedessen eine variable Geometrie und kann von verschieden grossen konzentrischen Kreisen repräsentiert werden, während M0 der kleinste Kreis darstellt, gefolgt vom Kreis M1, und so weiter (Grafik 1.1).

Die monetären Aggregate reflektieren die finanzielle Situation einer Volkswirtschaft. Da mehrere Definitionen von Geld existieren (M0, M1, M2, M3, M4), ist es wichtig, dass die Nationalbank ein Geldaggregat betrachtet, das sie mit ihren zur Verfügung stehenden Instrumenten beeinflussen und kontrollieren kann (siehe hierzu Kapitel 7 und 8).

Notieren wir bereits jetzt, dass die Nationalbank die monetäre Basis M0 direkt kontrollieren kann, da diese von der Nationalbank selbst emittiert werden kann, während es viel schwieriger von der Nationalbank ist, M1, M2 oder M3 zu kontrollieren, das nicht nur von der monetären Basis abhängt, sondern gleichermassen von anderen Faktoren, namentlich vom Verhalten der Nicht-Banken (es reicht hier, an Transfers zwischen Aggregaten zu denken: zum Beispiel werden Sichtguthaben in Terminguthaben transformiert, oder vice versa, in Differentialfunktionen der Zinsrate, welche die verschiedenen Depots auszahlen). Ausserdem hat die geldpolitische Praxis gezeigt, dass es sogar für die Zentralbank schwierig ist, die monetäre Basis zu kontrollieren und die erwünschte Veränderung der Anzahl Zentralgeldeinheiten genau zu erreichen. Dieser Punkt wird im dritten Kapitel dieses Buches wieder aufgenommen werden.

Montag, 26. Oktober 2009

Zwei Fragen


Was ist Kapital?
Soll man glauben, dass man Kapital mit einer Waage messen könne? Offensichtlich scheitert der Versuch, 10kg Brechstangen mit 10kg Hochpräzisionsinstrumenten ökonomisch sinnvoll zu vergleichen. Die physische Messungen ist deshalb ökonomisch gesehen zu nichts nütze.
Ist Kapital dann ein Wert? Dieser Wert müsste aber mit der Profitrate von Kapital berechnet werden. Die Profitrate muss also gegeben sein, wenn wir Kapital als einen Wert messen wollen. Leider ist die Profitrate aber nicht gegeben, sondern hängt selbst eben von der Kapitalintensität ab. Überdies existiert diese Profitrate bloss in der unsicheren Zukunft, von der wir bloss wissen, dass wir nichts über sie wissen. Das Argument endet deshalb notwendigerweise im Zirkelschluss: man kann den Wert von Kapital nur berechnen, wenn man für die Berechnung selbst den Wert von Kapital schon hat. Das erinnert an das berühmte Beispiel der Hafenstadt, in der sich der alltägliche Kanonenschuss an der Kirchenuhr ausrichtete, und die Kirchenuhr wiederum am Kanonenschuss. Auch dieser Versuch muss käglich scheitern. Und doch ist dies die herrschende Lehre.
Was ist Geld?
Ist es ein Schleier, der relative Preise in ihre absolute Existenz bringt? Diese Sicht führt ebenfalls zum unüberwindbaren Widerspruch; denn Güter und Dienstleistungen werden gegen Einkommen getauscht, nicht gegen Güter. Doch niemand würde ein wertvolles Gut gegen einen wertlosen Schleier tauschen wollen, dessen Wert nicht bestimmt ist. Somit ist es logisch gesehen unmöglich, dass sich relative Preise einpendeln. Das allgemeine Gleichgewichtsmodell fällt konsequenterweise in sich zusammen. Der Erklärungsansatz von Geld als Schleier führt am unhaltbaren Zirkelschluss nicht vorbei, dass “Geld akzeptiert wird weil Geld akzeptiert wird”. Die Kaufkraft des Geldes bleibt so ein metaphysisches Phänomen.
Ist Geld dann ein Gut? Diese Betrachtung muss auch scheitern, da seine produktionslose Vermehrung das Land als Ganzes reicher an Gütern machen müsste. Man müsste das Geldmengenwachstum sodann zum BIP dazurechnen, eine offensichtlich sinnentleerte Handhabung. Wieder wird uns nicht bloss nicht beigebracht, was Geld ist, sondern eine logisch unhaltbare Definition davon vermittelt.

Mittwoch, 9. September 2009

Denken in der Zeit

Seit Zenon von Elea fragten sich die Griechen immer wieder: ist die Welt kontinuierlich oder diskontinuierlich? Die Griechen dachten, dass die Physik die Wissenschaft des Diskontinuums sei; das Atom, welches sich gewissermassen nicht zerschneiden lässt, war das Symbol davon. Aber seit Galileo scheint die Bewegung das Kontinuum zu bedeuten: Geschwindigkeit und Beschleunigung waren Ausdrücke des Kontinuums. Das berühmte Axiom von Leibnitz natura non facit saltus stellt sich andauernd vor den Geist. Ist es wahr, dass die Natur keine Sprünge macht? Besteht die Welt aus lauter Flüssen in einer kontinuierlichen Zeit?

Gemeinhin stellen wir uns vor, dass sich unsere Gedanken über eine kontinuierliche Zeit erstrecken: "I'm thinking", ich bin "am denken" also. Ein Gedanke hat aus dieser Betrachtung einen Anfang, einen kontinuierlichen Fortschritt, und ein Ende. Am Ende des kontinuierlichen Gedankengangs ist ein Gedanke formuliert - produziert sozusagen.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus, wenn wir sagen, denken sei ein neuronaler "Fluss" innerhalb der kontinuierlichen Zeit, der einen Gedanken als Resultat hat? Müsste es dann nicht wahr sein, dass "ein Gedanke" der Summe unendlich vieler infinitesimal kleiner Denkschritte entspricht?

Diese Betrachtung birgt einen unüberwindbaren Widerspruch. Wenn es wahr ist, dass "denken" ein Prozess in der teilbaren Zeit darstellt, müsste eine der folgenden Aussagen stimmen:

1) man kann den Denkprozess in unendlich viele unendlich kleine Teilgedanken aufteilen. Alle Teilgedanken sind leer, tragen also keinen Gedanken in sich. Die unendliche Summe unendlich vieler leerer Teilgedanken wäre null, sprich nichts. Kein Gedanke wäre möglich.

2) man kann den Denkprozess in unendlich viele unendlich kleine Teilgedanken aufteilen. Alle Teilgedanken sind ein positiver Anteil des Endgedankens. Die unendliche Summe unendlich vieler solcher positiver Teilgedanken ist unendlich gross. Der Gedanke umfasst also unendlich viel denken.

Eine dieser Optionen muss gewählt werden, wenn wir denken als Prozess in der kontinuierlichen Zeit betrachten. Offensichtlich führt uns diese Betrachtung jedoch in absurde Situationen, die mit der Realität nichts zu tun haben.

In der klassischen Mechanik kann gesagt werden, dass "Geschwindigkeit mal Zeit = Distanz" (v * t = d): die Geschwindigkeit innerhalb einer unendlich kleinen Zeiteinheit bleibt gleich der Geschwindigkeit während der gesamten Periode. Wenn jedoch analog den Gesetzen der klassischen Mechanik "denken" als eine Geschwindigkeit - eine Bewegung in der Zeit also - und "ein Gedanke" als die zurückgelegte Distanz betrachtet wird, begeben wir uns in ein Paradoxon: während die Geschwindigkeit für jede Zeitperiode innerhalb des Kontinuums konstant bleibt, strebt "denken" in einem unendlich kleinen Zeitabschnitt notwendigerweise gegen null. Die Summe dieser Nullen muss gleich null sein; das bedeutet, dass ein Gedanke in der kontinuierlichen Zeit nicht existieren kann: es braucht eine unteilbare "Masse" Zeit, um einen Gedanken zu fassen: ein "Quantum" Zeit also.

Es erscheint korrekt, zu sagen, denken sei eine Bewegung in der Zeit. Jedoch können wir nicht sagen, dass der Gedanke der Raum ist, der vom denken durchschritten wird - denn der Gedanke könnte vor dem denken nicht existieren. Viel eher definiert der Gedanke unsere Zeit. Kierkegaard sagte hierzu: "Das Menschsein ist eine Bewegung in der Zeit". Man könnte vielleicht eher sagen: Der Gedanke ist definiert in der Quantum-Zeit; durch deren Definition erfahren wir unser Menschsein.

Anders ausgedrückt: Wenn es wahr ist, dass Denken = Gedanken/Zeiteinheit ist, dann ist es absurd, den Gedanken als Raum zu verstehen, der vom Denken durchquert wird; denn der Gedanke kann vor der Beendigung des Denkens nicht existieren.

Es erscheint mir, dass dies stimmen muss. Machen wir ein Beispiel eines Gedankens: "Ich lebe im Jetzt". Dieser Gedanke musste fertig gedacht werden, damit er existieren kann. Ein Quantum Zeit muss vergehen, bis der Gedanke ausformuliert werden kann. Der Gedanke selbst erscheint uns als der Endpunkt eines kontinierlichen Denkprozesses, in dem wir nachdachten. Tatsächlich ist der Gedanke die Menschwerdung der Zeit. Der Satz "Ich lebe im Jetzt" birgt somit einen Widerspruch. Während sich das Wort "Jetzt" auf einen Punkt in der kontinuierlichen Zeit bezieht, ist der Gedanke selbst ein unteilbares Quantum menschlicher Zeit; und in der quantischen Zeit existiert kein "Jetzt", sondern bloss menschgewordene Zeitkörner, durch deren Schaffung wir unsere Existenz erfahren.

Denken passiert folglich in Sprüngen; es gibt keine Gedanken"flüsse" in einer kontinuierlichen Zeit, sondern Gedankengeburten, welche selbst ein Quantum Zeit definieren.