Mittwoch, 31. März 2010

Theoriengeschichte des Geldes: Metallismus vs. Chartalismus


Die Theorienstränge, welche sich mit der Natur des Geldes befassen, können in den Metallismus und den Chartalismus unterteilt werden. Obzwar der Ursprung beider Theorien zurück zu Plato und Aristoteles verfolgt werden kann, wurden die Begriffe Metallismus und Chartalismus von Knapp (1905) erstmals verwendet. Schumpeter hielt tatsächlich fest, dass beide Theorien inkompatibel seien (zit. in Ellis, 1934: 3).
Der Metallismus besagt, dass Geld ein Gut ist, oft in der Form eines wertvollen Metalls wie Gold oder Silber. Der Wert des Geldes ist deshalb durch den Wert des Metalls bestimmt. Im Gegensatz dazu beruht der Wert des Geldes im Chartalismus auf seiner sozialen Akzeptanz, unabhängig von seinem Güterwert.
Betrachten wir diese zwei Haupttheorien, welche bis heute unser Verständnis von Geld weitgehend prägen.
Metallisten halten fest, dass Geld als Tauschware generell akzeptiert werden muss und alle Güter, die als Tauschware generell akzeptiert werden, Geld genannt werden sollten. Geld ist hier eine “Kreatur des Marktes”: ein knappes Gut, welches die Transaktionskosten des Tauschhandels überwinden hilft. Auch die Österreichische Schule vertritt diese Meinung; nach Menger (1892) besitzen Güter verschiedene Grade von “Veräusserbarkeit”: der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage führe dazu, dass ein generell akzeptiertes Tauschgut (Geld) mit einer bestimmten Menge an Gütern und Dienstleistungen assoziiert wird. Dieses leicht handelbare Gut wird dann nach Friedman (1974) zum Tauschmittel, wodurch der Akt des Kaufs und des Verkaufs separiert werden kann. Mit den Worten Clower’s: “Money buys goods and goods buy money; but goods do not buy goods”.
Obschon der Metallismus noch immer das Fundament der neoklassischen Geldtheorie darstellt, definieren Neoklassiker Geld seit dem berühmten Satz von Hicks (“money is what money does”) nur noch anhand seiner Funktionen: 1. Wertaufbewahrungsmittel, 2. Zahlungsmittel und 3. Wertmassstab.
Doch wenn die Natur einer Sache nicht bekannt ist, wie kann man ihre Funktionen definieren? Wegen dieser alogischen, funktionellen Definition von Geld gehen Neoklassiker der unangenehmen Frage aus dem Weg, wieso Geld heute auch noch eine relativ stabile Kaufkraft hat, obwohl man zunehmend (und bald nur noch) digital bezahlt und die Golddeckung längst aufgehoben wurde. Es wird immer offensichtlicher, dass Geld ein rein buchhalterisches Phänomen ist.
Die Menger’sche Definition von Geld, von den meisten neoklassischen Ökonomen - mindestens implizit - akzeptiert, präsentiert das Dilemma, dass das Objekt ihrer Analyse (Gütergeld) in absehbarer Zeit aufgrund des technischen Fortschritts im Zahlungsverkehr vollständig dematerialisiert wird und deshalb veschwindet. Der heutige neoklassische Mainstream der Geldtheorie fusst auf dem Modell der Suchkosten des Geldes von Kiyotaki und Wright (1989, 1991, 1993), welche den metallistischen Ansatz von Menger im Grunde akzeptieren. Konsequenterweise argumentieren diese, dass Papiergeld seinen Wert durch die metallischen Reserven erhält, die der Währung zugrunde liegen. Geld ist somit bloss das n-te Gut innerhalb eines Sortiments an verkaufbaren Gütern. Diese Sicht deckt sich auch mit Walras’s Definition, der schrieb: “our standard measure must be a certain quantity of a given commodity”.
Auch David Ricardo verstand Geld als Gut, erkannte jedoch, dass die Existenz absoluter Preise somit eine logische Unmöglichkeit war. Ohne absoluten Wertmassstab könnten nur relative, nicht aber absolute Preise existieren. Tatsächlich besitzt Ricardo’s Dilemma in der physikalischen Welt keine Lösung, in der alle heterogenen Produkte anhand verschiedener Massstäbe (Grösse, Länge, Gewicht, etc.) gemessen werden können.
Schon Adam Smith (1776) erkannte, dass Geld nicht mit einem Gut verwechselt werden dürfe, als er schreibt: “the great wheel of circulation is altogether different from the goods which are circulated by means of it”. Er erkannte, dass sich der Wert des Geldes nicht von seinem Güterwert ableitet, sondern von seiner Assoziation mit Produktion herrührt.
Diese wertvolle Einsicht wurde durch die Neoklassik rückgängig gemacht, indem sie ein Numéraire-Gut einführten und dieses Gut als Zahl definierten. Die erste und essentielle Aufgabe der Ökonomie als Wissenschaft – die Erklärung von Produktion und ihre Assoziation mit Zahlen – wird somit durch eine axiomatische Aussage ermöglicht: Ein Gut = Eine Zahl. Die magische Verwandlung von Gütern in Zahlen steht somit im Herzen der neoklassischen Geldtheorie, wodurch die Ökonomie folgenschwer zum Teilbereich der angewandten Mathematik reduziert wurde.
Nachdem die Probleme der Metallistischen Betrachtung von Geld erörtert wurden, gehen wir zum Chartalismus über.
Chartalisten nannten sich lange Anti-Metallisten, weil sie sich der metallistischen Betrachtung widersetzten, jedoch keine eigene, positive Theorie von der Natur von Geld hatten. Doch wenn sich der Wert des Geldes nicht durch seinen Güterwert bestimmt, weshalb sind Produzenten sonst bereit, ihre Produkte gegen Geld zu tauschen? Die Lösung der Chartalisten war, dass der Wert des Geldes aufgrund seiner sozialen Akzeptanz und –verbunden hiermit – durch den Staat und seine Gesetze zustande kommt. Was auch immer Menschen akzeptieren, um gegenseitig ihre Schulden zu tilgen, wird Geld. Die Bedeutung von Märkten und Knappheit wird von Chartalisten deshalb kleiner gewichtet, die Wichtigkeit von integrierten Gesellschaften und staatlicher Hoheit viel höher. Fortgeschrittene Gesellschaften entwickelten immer schon Zahlungssysteme, mit denen gesellschaftliche Schulden getilgt werden konnten. Der Staat ist hier vor allem wichtig, weil er von seinen Bürgern Steuern verlangt. Die Währung, mit der die Steuerschuld beglichen werden soll, wird dabei vom Staat vorgeschrieben, weshalb diese Währung zum allgemeinen Standard wird.
Wenn der Staat Schweizer Franken akzeptiert, so wird die soziale Akzeptanz institutionalisiert, wodurch der Schweizer Franken zur "harten" Währung wird. Aus der Sicht der Chartalisten kann der Staat “auf Knopfdruck” Geld herstellen, da er in der Position ist, Geld auszugeben, bevor es mit Steuereinnahmen verdient wurde.
Innerhalb des Privatsektors wird Staatsgeld deshalb als Nettovermögen betrachtet, ohne korrespondierende Schuld. Dieses Geld des Staates wird sodann in den Geschäftsbanken als Reserve hinterlegt, welche sodann Kredite vergeben können. Dies bedeutet, dass in der chartalistischen Sicht Staatsgeld exogen und Bankgeld ein Vielfaches davon ist, analog berechnet mit dem Geldschöpfungsmultiplikator der Metallisten. Die Chartalisten glauben somit auch an die Seignorage-Theorie, die besagt, dass der Staat Münzen und Papiergeld zu vernachlässigbar tiefen Kosten herstellen und verkaufen kann (ein phänomenales Geschäft, wäre es denn wahr!). Das bedeutet, dass der Staat alles kaufen kann, indem er einfach Staatsgeld herausgibt.
Das Problem besteht darin, dass die Kaufkraft des Geldes nicht erklärt wird. Die Aussage "Geld besitzt Kaufkraft, weil Menschen akzeptieren, dass es Kaufkraft besitzt", hat wissenschaftlich keinen Wert; genau wie der Satz "Gravitation existiert, weil akzeptiert wird, dass Gravitation existiert" keine wissenschaftlich gehaltvolle Aussage darstellt. Nach Wray definiert sich der Wert des Dollars auch durch den “Aufwand” der Arbeiter, den Dollar zu erhalten. Dies zeigt, dass die Arbeitswerttheorie für die Erklärung der Kaufkraft zuhilfe genommen werden muss.
Tatsächlich kann der Staat mit "neuem Staatsgeld" nicht Produkte kaufen, die noch nicht produziert wurden. Bevor irgendetwas überhaupt produziert werden kann - ausgehend von tabula rasa - muss eine Unternehmung einen Kredit bei einer Bank verlangen, um den Lohn ausbezahlen zu können. Dasselbe gilt für den Staat, der eine Kreditlinie bei einer Geschäftsbank eröffnen muss, um Staatsangestellte entlöhnen zu können.
Es braucht keine Staatsmacht oder Steuerhoheit, um eine Wirtschaft zu monetarisieren. Die Realität zeigt, dass Unternehmen auch in Ländern produzieren, in denen der Staat verhältnismässig schwach ist und Steuern schlecht erheben kann. Dies war schon vor der Existenz von Banken so: Goldschmiede agierten als Banken, indem sie alle Schulden- und Vermögenswerte in einem Buch notierten, welche bald ihre Goldbestände weit überstiegen. Zertifikate aus Papier von Goldschmieden wurden als Zahlungsmittel akzeptiert. Das Fundament einer jeden Geldwirtschaft ist somit der Kredit, nicht der Staat.


Quelle: Sergio Rossi, Money and Payments in Theory and Practice

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